Prof. Dr. med. Karl Huth, Frankfurt/M.
Die Häufigkeit der Adipositas nimmt in der Regel bis zum 60. Lebensjahr zu und beginnt bei Männern früher als bei Frauen. Frauen zeigten nach dem 44. Lebensjahr einen stärkeren Gewichtsanstieg.Obwohl die gefährlichen Folgen der Adipositas weithin bekannt sind, hat der Anteil der Übergewichtigen in unserer Bevölkerung in den letzten Jahren weiter zugenommen.
In letzter Zeit konnte auch beim Menschen ein Gen isoliert werden, das die Masse des Körperfetts steuert. Dieses Obesitas-Gen kodiert für den Mediator (Botenstoff) Leptin, der in den Adipozyten (Fettzellen) gebildet wird und das ZNS über die Größe der Fettspeicher informiert. Auch der Rezeptor für Leptin konnte identifiziert werden. Beim Menschen fand sich bei Adipösen eine Vermehrung des Leptins im Blut, die bei Gewichtsreduktion abnimmt. Interessanterweise ist es die Fettmasse, aber nicht die regionale Fettverteilung gemessen an der Waist-to-Hip-Ratio - dem Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang -, die zum Leptin korreliert. Dementsprechend ist die Frage offen, ob Leptin das Bindeglied zwischen Adipositas und Insulinresistenz ist.
Die Reduktion der körperlichen Aktivität spielt bei der Entwicklung der Adipositas ebenfalls eine Rolle. Schulkinder nehmen besonders häufig im Winter zu. Körperliche Schwerstarbeit wird heute in der Bundesrepublik nur noch von 2 % der Einwohner verrichtet.Eine weitere Erklärung für die Zunahme der Adipositas ist die höhere Lebenserwartung der Bevölkerung. Der alte Mensch paßt sich häufig nur allmählich an den reduzierten Energiebedarf an.
Übergewichtige Personen haben nicht selten Minderwertigkeitskomplexe und reagieren auf Streß mit gesteigerter Nahrungsaufnahme. Essen wird überbewertet und häufig an veränderte Umgebungssituationen nur schlecht angepaßt.In anderen Kulturen ist die Beurteilung der Übergewichtigkeit anders als bei uns. So findet man in islamischen Ländern wie der Türkei und Saudi-Arabien häufig Frauen mit einer erheblichen Leibesfülle, da diese dem Schönheitsideal entspricht. Auch bei Männern in der Dritten Welt ist Adipositas häufig ein erstrebenswertes Statussymbol, das den vorhandenen Wohlstand dokumentiert.
Zu den mittelbaren Folgeerkrankungen des Übergewichts zählen nicht nur Arteriosklerose und ihre Manifestationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und periphere arterielle Verschlußkrankheit, sondern auch Diabetes mellitus, Hypertonie (Bluthochdruck), degenerative Gelenkerkrankungen und außerordentlich häufige Neoplasien (Tumoren) wie Mamma-, Uterus-, Kolon- und Prostatakarzinom. Im Krankenhaus ist der Anteil der erheblich Adipösen geringer als in der Durchschnittsbevölkerung, da sich hier besonders pflegebedürftige Patienten finden, die häufig Endzustände, manchmal im Sinne einer kardialen oder onkologischen Kachexie, d. h. einer Auszehrung aufgrund von Herz- oder Krebsleiden aufweisen.
Die Zusammensetzung der Kost spielt eine wesentliche Rolle. In erster Linie kommt es darauf an, den Fettgehalt unserer Nahrung von den heute üblichen ca. 40 auf 30 % zu senken. Alkohol, der bei Erwachsenen durchschnittlich 8 % der aufgenommenen Energie ausmacht, ist an der Entstehung der Adipositas wesentlich beteiligt. Um die Energiedichte der Kost zu senken, sollten statt den bisher üblichen 20 g mehr als 30 g Ballaststoffe täglich gegessen werden. Dadurch wird die Kauarbeit größer, die Magenfüllung erhöht und die Magenentleerung verzögert. Ferner führen wasserlösliche Ballaststoffe wie Guar und Pektin zu einer Abnahme des Insulinbedarfs. Auch der günstige Einfluß auf die Obstipation ist in Zusammenhang mit Reduktionsdiäten von Bedeutung.Nach der Metaanalyse von Goldstein und Mitarbeitern besteht kein Zweifel, daß auch eine mäßige Gewichtsreduktion von etwa 10 % die adipositasassoziierten Komplikationen günstig beeinflußt.
Nur dann, wenn die genannten Maßnahmen ohne nennenswerten Erfolg bleiben, sind eine medikamentöse Unterstützung der Kontrolle des Körpergewichts, zum Beispiel durch Dexfenfluramin, oder auch chirurgische Maßnahmen wie der sogenannte Gastric Banding zu erwägen.
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Quelle: UGB-Fachtagung "Vollwertig abnehmen", 17.-19.10.1996
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