Dr. oec. troph. Sabine Schulz
Die Ursache für die Entstehung von Übergewicht wird im allgemeinen im menschlichen Verhalten gesucht - insbesondere in einer übermäßigen Zufuhr an Nahrungsenergie. Daher konzentrieren sich die meisten Therapieansätze darauf, die Ernährungsgewohnheiten der Betroffenen zu ändern. Die Widerstandsfähigkeit der Adipositas gegenüber einer solchen Therapie läßt Zweifel aufkommen, daß der Ursprung allein im Verhalten liegt. In den letzten Jahren sind daher bei der Erforschung der Ursachen insbesondere genetische Aspekte in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.
Um es vorwegzunehmen: Der erste Satz der Thermodynamik hat nach wie vor seine Gültigkeit: Energie kann bei der Umwandlung von einer Form in eine andere weder verbraucht noch gebildet werden. Das heißt, Übergewicht bzw. Adipositas kann sich nur ausbilden, wenn die Energiezufuhr mit der Nahrung den Energieumsatz übersteigt, die Energiebilanz also positiv wird. Dementsprechend haben alle Therapieansätze eine negative Energiebilanz zum Ziel, also da weniger Energie aufgenommen als umgesetzt wird.
Zwei Studien mit Adoptivkindern, die sowohl Informationen über die biologischen Eltern als auch die Adoptiveltern enthielten, zeigten übereinstimmend einen signifikanten Einfluß der biologischen Eltern auf die Körpermasse der Kinder. Die Adoptivmutter prägte ihre adoptierten Kinder nur sehr schwach und auch nur so lange sie bei ihr lebten. Eine wachsende Zahl von Untersuchungen an Zwillingen hat den Einfluß von genetischen Faktoren bei der Entstehung von Übergewicht bestätigt. Sie konnten jedoch den Einfluß des Umfeldes der Heranwachsenden nicht bestimmen, da dieses von den Zwillingen geteilt wurde. Eine Untersuchung von eineiigen Zwillingen, die getrennt aufwuchsen, bestätigte hingegen nicht nur den Einfluß von genetischen Faktoren, sondern auch, daß die Umgebung, in der die Kinder heranwuchsen, keine Auswirkungen hatte. Die genetische Veranlagung bei der Entstehung der Adipositas wird aufgrund dieser Studien inzwischen nicht mehr bestritten, der Anteil wird je nach Studienanordnung und untersuchter Größe (Fettmasse, Fettverteilung etc.) auf bis zu 60 Prozent beziffert. Das hat der Adipositas in einigen Kreisen ein schicksalhaftes, unausweichliches Image verschafft und zu Schlagzeilen geführt wie "die Dicken sind nicht selber schuld". Groß ist die Versuchung, jegliche therapeutische Manahme von vornherein zu verwerfen.
Erst im vergangenen Jahr ist es dem Molekularbiologen Friedmann und seiner Arbeitsgruppe an der Rockefeller-Universität in New York gelungen, das "obese"-Gen (ob) zu identifizieren und zu klonieren. Eine Mutation dieses Gens führt bei Mäusen zu einer schweren Form der Fettsucht mit Diabetes Typ II. Die Forschergruppe fand ferner heraus, daß das entsprechende Gen beim Menchen eine zu 84 Prozent vergleichbare Struktur aufweist. Es wird vermutet, da das Genprodukt, ein Protein mit Hormoncharakter, die Größe der Körperfettspeicher reguliert und ihm somit eine bedeutende Rolle bei der Regulation der Energiebilanz zukommt. Nach Expertenmeinung eröffnet diese Entdeckung den Weg für eine wirksame medikamentöse Therapie der Adipositas.
Bestimmung des Energieumsatzes
Die "doubly labeled water"-Methode ist ein relativ neues Verfahren zur langfristigen Messung des Energieumsatzes. Bei dieser Methode trinken die Versuchspersonen ein Glas Wasser, das mit den beiden stabilen Isotopen Deuterium (2H) und schwerem Sauerstoff (18O) angereichert ist. Da der Sauerstoff sowohl als Kohlendioxid (CO2) wie auch als Wasser (H2O), der Wasserstoff hingegen nur als Wasser ausgeschieden wird, kann aus der unterschiedlichen Verschwindensrate der beiden Isotope auf die CO2-Bildung geschlossen und daraus die langfristige O2-Aufnahme (1-2 Wochen) und somit der Energieumsatz berechnet werden.
Um die Energiebilanz zu verstehen, ist die Erkenntnis bedeutend, daß es separate Bilanzen für die drei energieliefernden Nährstoffe Kohlenhydrate, Fett und Protein gibt. Die Zufuhr von Kohlenhydraten und Protein wird sehr eng kontrolliert, so daß es im Vergleich zu ihrer Verwertung zu keiner überschüssigen Zufuhr kommt. Im Gegensatz dazu unterliegt die Aufnahme von Fett keiner sehr guten Kontrolle und ist nicht notwendigerweise proportional zur Fettverbrennung. Eine permanent unausgewogene Fettzufuhr ist bei den heutigen Lebensgewohnheiten mit überreichlichem Essen und wenig körperlicher Bewegung nicht selten und einer der naheliegendsten Gründe, der zur Gewichtszunahme und letztendlich zur Adipositas führen kann.
Die Zusammensetzung der Nahrung wird als wichtiger Faktor bei der Entstehung der Adipositas angesehen. Dieser Zusammenhang ist insbesondere bei Tierversuchen zu beobachten, könnte aber auch bei der Entwicklung der menschlichen Adipositas eine Rolle spielen. Wird Nagetieren fettreiche Nahrung, zuckerhaltige Lösungen oder eine sogenannte "Cafeteria"-Diät (Kekse, Käse, Marshmallows, Erdnubutter etc.) angeboten, sind die meisten Stämme nicht mehr in der Lage, ihre Energiebilanz genau zu regulieren. Die Tiere nehmen dann mehr Energie auf, als für die Erhaltung des Körpergewichts benötigt wird. Die überschüssige Energie wird als Fett gespeichert, und die Tiere werden in unterschiedlichem Ausmaß fett.
Doch zurück zur Frage, ob Übergewichtige wirklich mehr essen als Normalgewichtige. Hier ist festzustellen, daß die Methoden zur Erfassung der Energiezufuhr, die im allgemeinen Verwendung finden, nicht genau genug sind, um den Beitrag einer gewissen "Überernährung" zur Adipositas zu erfassen. Die "doubly labeled water"-Methode (s. o.), eine relativ neue Methode zur Bestimmung des Gesamtenergieumsatzes, wurde bei einigen Untersuchungen zur Überprüfung von konventionellen Ernährungsprotokollen herangezogen. Dieses Konzept basiert auf der Annahme, daß die Messung des Energieumsatzes dann als Maß für die Energiezufuhr gilt, wenn sich die Versuchsperson in einem Energiegleichgewicht befindet. Viele dieser Untersuchungen haben gezeigt, daß die protokollierte Nahrungsaufnahme häufig niedriger ausfiel als der gemessene Tagesenergieumsatz, also die tatsächlich zugeführte Nahrungsmenge unterschätzte. Dieser Effekt war bei Frauen ausgeprägter als bei Männern, bei Übergewichtigen deutlicher als bei Normalgewichtigen.
Der thermische Effekt der Nahrung besagt, daß ein Teil der über die Nahrung aufgenommenen Energie in Wärme umgewandelt wird. Er macht ca. 10 % des täglichen Energieumsatzes aus. Ob ein verminderter thermischer Effekt, der häufig bei Adipösen festgestellt wird, Ursache oder Folge des Übergewichts ist, wird kontrovers diskutiert. Für eine volle Ausprägung des thermischen Effektes ist das Hormon Insulin erforderlich. Insulinmangel oder Insulinresistenz, d. h. die verminderte Sensibilität der Zellen für Insulin, führen zu einer gestörten Glucose-Verwertung und zu einer verminderten Wärmebildung. Der thermische Effekt scheint in erster Linie als eine Folge der Insulinresistenz verringert zu sein. Ob Übergewichtige also einen gestörten oder verzögerten thermischen Effekt zeigen, hängt von ihrer Insulinausschüttung und -empfindlichkeit ab. Wieviel Energie für körperliche Aktivität benötigt wird, ließ sich bisher kaum exakt erfassen. Führte man Messungen in Stoffwechselkammern durch, war die spontane Aktivität und der Bewegungsradius sehr eingeschränkt und spiegelte nicht die Alltagssituation wider. Aktivitätsmessungen im Alltag (z. B. mit Aktivitätsprotokollen oder Bewegungsaufnehmern) wiederum messen nicht die Energieausgabe für die entsprechende Tätigkeit. Außerdem neigen übergewichtige Personen dazu, im gleichen Maße wie sie ihre Energiezufuhr unterschätzen, die tatsächliche körperliche Aktivität zu überschätzen. Auch hier verspricht der Einsatz der "doubly labeled water"-Methode neue Einsichten bezüglich des Energieumsatzes über mehrere Tage und seiner Rolle bei der Entstehung der Adipositas.
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Quelle: Schulz, S.: UGB-Forum 1/95, S. 14-17
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