Dipl. Diätassistentin (EMB) Martina Unterluggauer
Jedes Neugeborene wird am fünften Lebenstag auf Phenylketonurie untersucht. Denn nur eine Diät von Anfang an ermöglicht eine normale körperliche und geistige Entwicklung. Heute gehen Ärzte davon aus, dass die phenylalaninarme Kost ein Leben lang eingehalten werden muss.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts endeten die meisten an Phenylketonurie Erkrankten in Anstalten für Geistesgestörte. Erst in den fünfziger Jahren entdeckten Ärzte, dass es sich hierbei um eine Störung im Abbau der essentiellen Aminosäure Phenylalanin handelt. Der Mediziner Horst Bickel wies 1954 nach, dass sich die Patienten wesentlich besser entwickeln, wenn das natürliche Eiweiß durch eine synthetische, phenylanalinfreie Aminosäuremischung ersetzt wird. Erst als der Bakteriologe Robert Guthrie 1963 einen Test entwickelte, mit dem sich Phenylalanin im Blut nachweisen lässt, konnte die Krankheit sicher diagnostiziert werden. Österreich führte daraufhin 1966 und Deutschland 1967 das so genannte Neugeborenen-screening ein, bei dem jeder Säugling am fünften Lebenstag auf erhöhte Phenylalaninwerte im Blut untersucht wird. Derzeit kommen in Deutschland jährlich etwa 100 Kinder mit dem Stoffwechseldefekt zur Welt.

Praktisch sieht die Diät so aus, dass natürliche Phenylalanin-Quellen weitgehend eingeschränkt werden müssen. Da die Aminosäure in beinahe allen pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln vorkommt, muss sich der Patient extrem eiweißarm ernähren. Seinen Bedarf an Protein und essentiellen Aminosäuren deckt er mit einer phenylalaninfreien Aminosäuremischung.
Um eine bestmögliche Verwertbarkeit zu erzielen, sollte die Eiweißzufuhr gleichmäßig über den Tag verteilt werden. Am günstigsten ist es, die Aminosäuremischungen in mindestens drei Portionen aufzunehmen. Wegen des starken Eigengeschmacks sollte die Mischung in geschmacksintensive Lebensmittel oder Speisen eingerührt werden, die gleichzeitg auch Kohlenhydrate und Fett enthalten. Je nach Alter werden verschiedene Aminosäurepräparate angeboten, die altersentsprechend mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen angereichert sind.
Um die Kinder für die sehr strenge Diät zu motivieren, hat sich der Besuch spezieller Kochkurse bewährt. Sie machen den Kindern sehr viel Spaß, und sie lernen, die Diätführung selbst in die Hand zu nehmen. In den letzten Jahren ist eine Vielzahl an phenylalaninarmen Fertigprodukten auf den Markt gekommen wie Fruchtknödel, Fertigsuppen, Brotaufstriche, Kartoffel- und Gemüsegerichte. Sie erleichtern die Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten wie Ausflügen, Klassenfahrten und Gruppenreisen.
Phenylketonurie auf einen Blick
Phenylketonurie ist eine angeborene Störung des Aminosäurestoffwechsels. Aufgrund eines Chromosomendefektes können die Betroffenen die Aminosäure Phenylalanin nicht ausreichend abbauen. Bei den meisten Patienten ist die Aktivität des Enzyms Phenylalaninhydroxylase eingeschränkt, das für die Spaltung der Aminosäure zuständig ist. Die Störung kann aber auch durch einen fehlenden Co-Faktor ausgelöst werden. Bei Gesunden wird die Aminosäure zunächst zu Tyrosin verstoffwechselt, so dass die Patienten gleichzeitig an einem Tyrosinmangel leiden. Das nicht abgebaute Phenylalanin staut sich im Blut an und kann irreversible Schäden im Gehirn hervorrufen. Vermutlich werden durch die hohen Konzentrationen im Blut verschiedene Neurotransmitter beeinträchtigt. Bleibt die Stoffwechselstörung unbehandelt, ist die geistige Entwicklung der Kinder stark vermindert. Es kommt zu niedrigen Intelligenzquotienten, Bewegungs- und Verhaltensstörungen bis hin zu Aggressionen gegen sich selbst.
Heute wird daher eine lebenslange Diät gefordert. Anhand von Lebensmittellisten muss der Patient seine tägliche Kost berechnen. In der Regel dürfen Erwachsene zwischen 450 und 1000 Milligramm Phenylalanin pro Tag zuführen. Dies gelingt in der Regel nur, wenn der Betroffene überwiegend Lebensmittel mit einem sehr niedrigen Phenylalaningehalt verzehrt und zusätzlich eiweißarme Spezialprodukte aufnimmt. Auch auf mit dem Süßstoff Aspartam gesüßte Lebensmittel und Getränke muss geachtet werden, da Aspartam im Körper zu Phenylalanin abgebaut wird.
Zur einfacheren Berechnung der täglichen Kost lassen sich die Nahrungsmittel in drei Gruppen unterteilen:
Patienten mit Phenylketonurie nehmen im Rahmen ihrer Diät sehr wenig biologisch hochwertiges Eiweiß zu sich. Milch, Fleisch und Eier als wichtigste Lieferanten von z. B. Carnitin, Zink, Kupfer, Selen, Arachidonsäure und Eisen fehlen völlig. Viele Patienten haben daher sehr niedrige Eisen- und Selenspiegel, obwohl die Aminosäuremischungen mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen angereichert sind.
LITERATUR:
HINRICHS, F. u. a.: Stillen von Säuglingen mit Phenylketonurie. In: Klinische Pädiatrie 206, 1994
WACHTEL, U.; HILGARTH, R.: Ernährung und Diätetik in Pädiatrie und Jugendmedizin - Band II:Diätetik, Thieme 1995
WEGLAGE, G.: Phenylketonurie - Wandel der therapeutischen Strategien. In: Fortschr.-Med. 31/111, 485-488, 1993
Quelle: Unterluggauer, M.: UGB-Forum 2/00, S. 75-77
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