Aleksandar Miladinovic
In Russland hat sich im Laufe der Jahrhunderte eine eigenständige Kochkultur entwickelt, die sich erstaunlicherweise in den einzelnen Regionen kaum unterscheidet. Zwischen Pazifik und Ostsee, zwischen der turkmenischen Wüste und dem Polarkreis genießen Russen ihre tägliche Getreidegrütze und versüßen sich das Leben mit kleinen Buchweizenpfannkuchen.
Die russische Küche wird wie die russische Seele von zwei Umständen geprägt: von den langen und kalten Wintern und der russisch-orthodoxen Kirche, die regelmäßig längere Fastenzeiten vorschreibt. Aufgrund des langen Winters essen die Russen viel Eingelegtes und Eingemachtes wie Salzgurken, Sauerkraut und marinierte Pilze. Frisches Obst und Gemüse kommt nur in den kurzen, aber heißen Sommermonaten auf den Tisch. Für die kalte Jahreszeit lagern die Haushalte verschiedene Rüben und Kohlköpfe, trocknen Pilze und kochen Obst ein.
Nach der Oktoberrevolution von 1917 verurteilte die Partei das Fasten als unsozialistisch und erklärte die Kirche und ihre Regeln als Aberglauben. Viele alte Speisen gerieten in Vergessenheit. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entdeckten jedoch immer mehr Russen ihren Glauben und ihre Traditionen neu. Längst vergessene Gerichte wie der Weihnachtskuchen Kulitsch, ein lockeres Hefegebäck mit Rosinen, sind seit dem wieder populär.
Der alte Volkssport, das Pilzesammeln, erlebt ebenfalls eine Renaissance. Nicht zuletzt durch die schwere wirtschaftliche Krise bedingt, versuchen viele ihren Speiseplan mit wild gesammelten Beeren und Pilzen zu bereichern. Im Herbst strömen unzählige Pilzsucher frühmorgens in die Wälder und bringen körbeweise Wildpilze mit nach Hause. Dort werden sie frisch in Suppen, Grütze oder gefüllten Teigtaschen genossen oder für den Winter getrocknet und eingelegt.
Einzigartig für Russland ist das vergorene Erfrischungsgetränk Kwas. Die säuerliche, leicht prickelnde Flüssigkeit wird aus Roggenbrot, Wasser, Hefe und etwas Zucker hergestellt und gilt als überaus gesund. Das eigentliche Nationalgetränk ist jedoch schwarzer Tee. Zunächst wird ein starker Teesud gekocht. Er wird dann nach Belieben mit heißem Wasser verdünnt, das traditionell aus einem Samowar stammt. Damit der starke Aufguss nicht ganz so bitter schmeckt, wird er mit einer Art Konfitüre gereicht, die löffelweise zum Tee genossen wird.
Ebenfalls aus Russland stammt das Wort Bistro. Emigrierte russische Offiziere verlangten von den Pariser Kellnern, schnell und unkompliziert bedient zu werden. Dabei riefen sie "Bistro! Bistro!", auf russisch: "Schnell! Schnell!". Die französischen Kellner eigneten sich das Wort an, und bald schon wurde es zum Inbegriff für eine schnelle Küche.
Die langen Winterabende sind ideal zum Ausprobieren der russischen Rezepte. Damit der Eindruck vollkommen wird, sollten Sie auf eine Tasse kräftigen, schwarzen Tee nach dem Essen nicht verzichten, auch wenn kein Samowar zur Hand ist. Und dann gilt es: Augen schließen, Tschajkowskij auflegen und von den unendlichen schneebedeckten Steppen träumen. Na sdorowje!
Quelle: Miladinovic, A.: UGB-Forum 6/99, S. 331-332
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