Dipl. psych. Andreas Lukoschik; Dipl. psych. Erich Bauer
Das wachsende Interesse an Körpertherapien ist mittlerweile mehr als nur ein Trend. Was sich da im Bereich der Selbsterfahrung über oder durch den Körper tut, ist schon ein ausgewachsener Boom. Dieser Überblick soll helfen, sich über einige Methoden ein Bild zu machen.
Die einen benutzen Griffe und Techniken, die der Körpermassage ähneln; andere setzen auf Haltungs- und Bewegungsschulungen, und wieder andere versuchen über Atemtechniken zum Erfolg zu kommen. Worin sich die vielen Körpertherapien unterscheiden, ist für Neulinge in diesem Bereich kaum zu beurteilen. Welche Therapie ist für welche Bedürfnisse und Wünsche am besten geeignet?
Eine Behandlung dauert in der Regel fünfzig Minuten. In Europa gibt es kaum echte Orgontherapeuten, weil nur Ärzte die Ausbildung machen können und sie größtenteils in den USA absolviert werden muss. Deshalb bieten bei uns viele so genannte Neureichianer ihre Dienste an; sie verbinden die Reichsche Lehre mit anderen Körperverfahren. Wer also bei einem Neureichianer einsteigen möchte, sollte sich vorher über die Ausbildung des Therapeuten informieren oder auf Empfehlungen von Bekannten vertrauen.
Muskelblockaden werden z. B. dadurch aufgelöst, dass sie verstärkt werden: Presst jemand die Kieferknochen ständig zusammen, weil er es von Kind an so gewohnt ist (vielleicht weil er damit das Schreien nach der Mutter unterdrücken will), dann fordert ihn der Bioenergetiker auf, den Kiefer noch viel stärker zu verkrampfen, wodurch letztlich eine Entspannung erfolgt. Es gibt auch so genannte Stresspositionen, die Druck auf bestimmte Körperstellen ausüben und so die Blockaden aufbrechen. Dabei können alte Erinnerungen wach gerufen werden, die in Verbindung mit der Blockade stehen. Es ist faszinierend, wie stark Gefühle durch die Körperübungen aufgewühlt werden. Plötzlich ist man wieder das kleine, vierjährige Mädchen, das nach Papa oder Mama ruft. Dieses Wiederbeleben ermöglicht es, unerledigte, belastende Gefühle zu verarbeiten und einen neuen Anfang zu setzen. Bioenergetik wird sowohl in Einzel- als auch in Gruppensitzungen angeboten, die zwischen ein bis drei Stunden dauern können. Die Therapie fordert den Einsatz des Klienten und ist daher für Menschen geeignet, die einen bestimmten Druck brauchen, um an ihre Gefühle heranzukommen.
Die Biodynamische Psychotherapie ist eine sehr sanfte Methode. Die Klienten sollen sich dabei tief entspannen können, so dass sie ein starkes Gefühl von Sicherheit erhalten. Dabei können ähnlich wie bei der Bioenergetik alte Situationen aus der Kindheit wachgerufen werden. Ziel ist es, die damit verbundenen Verspannungen abzubauen, so dass die Energie wieder fließt. Da der Therapeut emotionale Ausbrüche nicht herausfordert und Widerstände "aufschmilzt" statt zu "brechen", spricht die Biodynamische Psychotherapie vor allem solche Menschen an, denen ein sanfter Weg lieber ist. Wie lange die Therapie dauert, hängt von den Symptomen des Klienten ab; eine Einzelsitzung dauert ein bis eineinhalb Stunden.
Eine Rebalancing-Sitzung unterscheidet sich nur wenig vom Rolfing. Der Klient liegt auf dem Massagetisch, während der Therapeut den Körper nach Verspannungen absucht und an ihm arbeitet. Der Rebalancer spricht jedoch mehr mit seinem Klienten, um stärker auf ihn einzugehen. Zudem lernt der Klient - ebenso wie beim Rolfing - neue Haltungen oder Übungen, die er zu Hause weiterführen kann. Manchmal wird eine reine Energiesitzung vereinbart, bei der es nur um den reinigenden Atemstrom geht, der durch bewusste Führung an verspannte Körperstellen gelenkt wird. Eine Behandlung dauert ein bis zwei Stunden in einer Serie von etwa zehn Sitzungen. Geeignet sind die tiefen Bindegewebsmassagen für Menschen, die ihrem Körper bei Schmerzen, Haltungsschäden und nach körperlichen Verletzungen etwas Gutes tun wollen.
Welches Ziel die Atemtherapie verfolgt, hängt von der jeweiligen Atemschule ab. So stärkt z. B. die Atemschule nach Prof. Ilse Middendorf die natürliche, unwillkürliche Zwerchfellatmung, während die Atemtherapie von Klara Wolf mit dem bewussten Atem arbeitet. Wieder andere Richtungen, wie die von Scheufele-Osenberg, verbinden beide Techniken miteinander.
Eine typische Atemsitzung kann so aussehen, dass der Klient im Liegen nur seinen Atem beobachtet und wahrnimmt, wie sich der Leib beim Atmen hebt und senkt. Vielleicht legt der Therapeut seine Hand ganz leicht auf ein Körperteil und fordert dann auf, ganz gezielt in diese Region zu atmen. Oder er leitet dazu an, den ganzen Körper mehr zu entspannen, indem sich der Klient beim Ausatmen vorstellt, in eine weiche Unterlage einzusinken. Es ist erstaunlich, wie bewusstes Atmen gleichzeitig entspannen und kräftigen kann. Die Einzelsitzungen dauern etwa eine Stunde, ein Gruppentreffen bis zu drei Stunden. Viele Übungen können gut allein zu Hause fortgeführt werden und sind praktisch für jeden Menschen geeignet. Sowohl ein krebskranker Patient als auch eine schwangere Frau können davon profitieren. Die Atemtherapie hilft Körperhaltungen zu korrigieren und führt zu seelischer Zentrierung. Insbesondere für Menschen, die eine Körperbehandlung mit intensiver Berührung ablehnen, ist eine Atemtherapie empfehlenswert.
Bei den Übungen werden nicht nur Fehlhaltungen und das damit verbundene Unwohlsein spürbar. Gleichzeitig erfährt der Übende auch eine neue Haltung, die wohltuender, natürlicher und weniger aufwendig ist. Wer das Gefühl hat, "nicht richtig mit seinem Körper umzugehen", für den bietet die Alexander-Technik ganz konkrete Haltungslehren an. Eine Schulung umfasst rund 30 Einzelsitzungen zu je 30 bis 40 Minuten.
Über so genannte Kontrollpositionen soll der Schüler zunächst ein Gefühl für seinen Körperaufbau entwickeln. Im Stehen, Sitzen oder Liegen erspürt er z. B. Form und Lage seines Beckenknochens oder andere Abschnitte des Skeletts. Durch solche Übungen bildet er nicht nur eine räumliche Vorstellung vom eigenen Knochenapparat aus, sondern auch ein Gespür für seine Haltefunktion und den Transport-Reflex. Ziel ist es, durch dieses Bewusstwerden in aktuellen Situationen beweglicher zu werden. Mit Hilfe körperlicher Beweglichkeit - und hier ähneln sich Eutonie und Feldenkrais-Methode - wird auch der Geist flexibler. Mit Spannungen, Hemmnissen und Blockierungen lernt der Schüler kreativer umzugehen und so mehr Spaß am Leben zu bekommen. Da die Eutonie ein lebensbegleitender Prozess ist, sollten die Übungen auf Dauer beibehalten werden. Am besten eignet sich dafür eine Gruppe. Die Übungen lassen sich aber auch zu Hause in Eigenregie fortführen.
Um eine Körpermethode auszuprobieren, bieten sich Wochenend-Workshops an. Viele Schulen bieten solche Kurse speziell zum Kennenlernen an. Wichtig ist natürlich auch, dass Sie sich bei dem jeweiligen Therapeuten gut aufgehoben fühlen. Wenn Sie die für Sie persönlich richtige Methode gefunden haben, kann die Körperarbeit ein wertvolles Erlebnis sein, das sowohl Ihrem Körper als auch Ihrer Seele Ausgeglichenheit und Wohlgefühl vermittelt.
Quelle: Lukoschik, A.; Bauer, E.: UGB-Forum 3/2000, S. 118-121
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