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Krebs und Psyche: Mut zum Überleben

Interview mit Prof. Dr. Volker Tschuschke

Wenn jemand die Diagnose Krebs erhält, ist der Schock groß. Für viele stürzt eine Welt zusammen. Neben der Tumortherapie darf daher die Psyche nicht vernachlässigt werden. Wir fragten den Psychoonkologen Prof. Dr. Volker Tschuschke vom Klinikum der Universität zu Köln, was Betroffenen nach der Diagnose gut tut.

Prof. Tschuschke, was genau ist eigentlich
ein Psychoonkologe?

Onkologie ist die medizinische Fachrichtung, die sich mit Krebs befasst. Ein Psychoonkologe benötigt eine zusätzliche Qualifikation auf der Basis einer Psychotherapieausbildung. Also kommen im Wesentlichen Psychologen oder Ärzte mit psychotherapeutischer Weiterbildung in Betracht. Zusätzlich muss man über Wissen um Krebserkrankungen, onkologische Behandlungsvefahren, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Kommunikation mit den Betroffenen und Angehörigen verfügen sowie über spezifische psychologisch-psychotherapeutische Techniken, die sich bei Krebspatienten bewährt haben. Psychoonkologen müssen zudem Strategien der Krankheitsbewältigung, so genanntes Coping, kennen und - nicht zu vergessen - ausgiebige Erfahrung mit dem Thema Tod und Sterben haben.

Die meisten Menschen reagieren auf die Diagnose
Krebs mit Angst und Verzweiflung. Ist eine
psychische Betreuung der Betroffenen vorgesehen?

In Deutschland ist eine fachkompetente Betreuung leider noch die Ausnahme, im Gegensatz beispielsweise zu den USA oder Kanada. Das heißt, dass Ärzte bzw. Onkologen in der Regel nichts über die psychische Belastung ihrer Patienten wissen und entsprechend auch nicht helfen können. Und das, obwohl zwischen 15 und 35 Prozent aller Patienten allein aufgrund der Diagnose ein Trauma erleiden. Dieser Schock muss speziell behandelt werden, sonst ergeben sich schwerste psychophysische Belastungen, beispielsweise Blockaden im zentralen Hirnstammbereichen. Sie können dazu führen, dass der Betroffene keine Kräfte frei hat, um die Erkrankung und die Behandlung zu bewältigen. Bleibt das aus, verschlechtern sich zwangsläufig die Prognosen.

Viele fragen sich nach der Krebsdiagnose: Warum
gerade ich? Hab ich in meinem Leben etwas falsch
gemacht? Mit anderen Worten, gibt es so etwas wie
eine Krebspersönlichkeit?

Wir Menschen suchen stets nach Erklärungen. Finden wir für uns plausible Antworten, ohne Rücksicht auf deren Wahrheitsgehalt, sind wir bereits beruhigter. Rückblickend lassen sich immer scheinbar plausible Erklärungen für die Erkrankung finden. Aber diese sind geprägt durch das Wissen um die Krankheit. Das heißt, sie sind "durch die Brille der Erkrankung gesehen" und insofern wissenschaftlich nicht gültig. Um den Beitrag psychischer und sozialer Faktoren am Ausbruch der Krankheit abschätzen zu können, müsste man Hundertausende von Menschen jahrzehntelang wöchentlich wissenschaftlich begleiten. Nur so ließe sich der Beitrag psychischer Faktoren am Krankheitsausbruch ein für alle Male klären. Gleichzeitig sind natürlich auch die genetischen, die ernährungs- und bewegungsbedingten Gründe, Fehlverhalten wie Rauchen und Drogenmissbrauch, Umweltgifte, Strahlen und Dämpfe an Arbeitsplätzen etc. zu berücksichtigen.Die Frage nach einer Krebspersönlichkeit wird sich wegen des beschriebenen immensen Aufwands wohl nie klären lassen. Die Krebspersönlickeit, die sich in Depression, Niedergeschlagenheit oder Antriebslosigkeit äußert, ist eher als eine Reaktion auf die Erkrankung aufzufassen denn als Ursache.

Zusammenhänge zwischen Psyche und Immunsystem
sind mittlerweile ja nachgewiesen. Muss da die
Psyche nicht auch in der Entstehung von Krebs
eine Rolle spielen?

Genau. Wir haben alle Glieder der Kette wissenschaftlich geklärt: Das Immunsystem wird durch psychische Prozesse wie Stress oder Freude negativ oder positiv beeinflusst. Es wirkt auch direkt auf Tumoren und verhindert den Ausbruch von Krebs. Wenn es dagegen versagt, ist Krebs die Folge. Also müssten sich auch bestimmte psychische Zustände positiv oder negativ auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit auswirken. Solche Untersuchungen aber fehlen noch; genau diese Studien benötigten wir im Moment. Danach käme man nicht mehr da-rum herum, psychoonkologische Kompetenzen an Tumorzentren und in Krebs- wie Reha-Kliniken routinemäßig einzuführen.

Mit der Diagnose Krebs gehenBetroffene ganz
unterschiedlich um. Manche wollen alles über die
Therapien wissen, andere geben sich auf, wieder
andere verdrängen die Erkrankung. Was ist für
den Krankheitsverlauf am besten?

Alle besseren wissenschaftlichen Studien weisen eindeutig in dieselbe Richtung: Ein aktives Bewältigungsverhalten - wie immer man das nennen will: kämpferische Einstellung, Lebenswille, aktive Mitarbeit an erforderlichen Therapiemaßnahmen, intensiveres Leben im Jetzt, gesünderes Leben usw. - ist mit besseren Überlebenschancen verknüpft. Resignation und Apathie sind genauso ungünstig wie Ablenkung, ohne die Krankheit wirklich bewältigt oder sich damit auseinandergesetzt zu haben. Dazu zählt auch die aktive Überbeschäftigung, die eigentlich Vermeidungscharakter hat.

Braucht jeder Krebspatient psychologische Hilfe?
Was kann eine psychoonkologische Behandlung leisten?

Nicht jeder Patient benötigt diese Hilfe. Entscheidend ist, ob ausreichend stabile eigene Ressourcen und auch gute soziale Unterstützung im familiären oder Freundeskreis vorhanden sind oder nicht. Im Prinzip hilft aber allen eine professionelle Begleitung bereits von der Diagnose und frühen Behandlungsphasen an. Denn zur Aufgabe des Psychoonkologen gehört auch, kommunikative Barrieren und Sprachlosigkeiten zwischen Patient und Umfeld zu überwinden, speziell auch zu den Ärzten. Oft kommt es zu Fehlinformationen oder Missverständnissen zwischen dem geschockten Patienten und Ärzten, die nicht die notwenigen kommunikativen Fähigkeiten mitbringen. Psychoonkologen sind auch dazu da, den Betroffenen dabei zu helfen, sich mehr mit ihrer Erkrankung zu beschäftigen und beispielsweise Wissen darüber zu erwerben. Damit bekommen sie ein Gefühl von mehr Kontrolle, was Angst und Verzweiflung abbaut und insgesamt zu mehr Lebensqualität verhilft.

Welche Rolle spielt das soziale Umfeld für den
Umgang mit der Erkrankung? Sollten Angehörige und
enge Freunde ebenfalls betreut oder in die Therapie
einbezogen werden?

Im Prinzip ja! Hier ergibt sich zu häufig - zusätzlich zu den übrigen Problemen - ein sozialer Tod. Zu oft ziehen sich Freunde, Familienangehörige oder Kollegen zurück, durchaus auch aufgrund von Unkenntnis oder Angst, nicht unbedingt aus Gleichgültigkeit. So eine Isolierung kann sich schrecklich auf den Betroffenen auswirken. In aller Regel handelt es sich um beiderseitige Sprachlosigkeit. Der Patient fragt sich: "Was kann ich meiner Familie zumuten?"; der Freund ist unsicher: "Was kann ich dem Kranken zumuten". Doch das Motto sollte lauten, besser gemeinsam als jeder einsam.

Rund die Hälfte aller Krebspatienten kann heutzutage
geheilt werden. Ist die Psyche dieser Patienten
auch im Nachhinein noch belastet?

Ein Großteil der ehemaligen Patienten bleibt dauerhaft belastet. Einmal von Krebs betroffen, führt dies zu einer chronischen Erkrankung. Man wird nie wieder in einen jungfräulichen Zustand geraten. Alle ehemals Erkrankten sind mit der Tatsache der Endlichkeit, des Sterben-Müssens konfrontiert. Ab dann ist diese Tatsche nicht mehr zu leugnen. Wer es dennoch tut, gerät unweigerlich in Probleme. Das zeigen auch alle Studien. Man muss sein Leben umstellen. Es ist auch eine Chance zu bewussterem, intensiverem Leben, wie uns viele Überlebende spontan in Interviews mitteilen. Unwichtiges kann von Wichtigem getrennt werden. Manchmal berichten Betroffene von einem ab dann wesentlich besseren Leben. Als ob es tatsächlich eines solchen "Schusses vor den Bug" bräuchte, um zu erkennen, wie unaufmerksam wir häufig im Alltag mit unserem Leben und unserem Körper umgehen. Eine Erkenntnis, die an und für sich jeder von uns jederzeit erlangen könnte, ohne solch eine Not erlebt haben zu müssen.

Für ehemals Erkrankte, die chronisch an Stress oder Schlafstörungen leiden und deren Lebensqualität aufgrund von Angst und Depression beeinträchtigt ist, empfiehlt sich unbedingt eine Therapie bei einem fachkompetenten Psychoonkologen bzw. psychoonkologisch ausgebildeten Psychotherapeuten.

Wohin können sich Betroffene und Angehörige auf
der Suche nach psychologischer Hilfe wenden? Sind
Selbsthilfegruppen geeignet?

Betroffene sollten sich an die größeren Tumorzentren wenden, die haben am ehesten Adressen von Psychoonkologen. Auch die Deutsche Krebsgesellschaft oder der Krebsinformationsdienst sind geeignete Ansprechpartner. Sie können sich auch an uns wenden (www.psy-kom.de). Wir haben Adressen von bei uns ausgebildeten Psychoonkologen, auch im niedergelassenen Bereich, das heißt mit eigenen Praxen. Falls man keine professionelle Hilfe bekommt, sind Selbsthilfegruppen vermutlich besser als gar nichts, das gilt für alle Erkrankungen. Aber sie sind wahrscheinlich suboptimal, weil es meiner Ansicht nach die professionelle Hilfe durch einen fachkompetenten Gruppenleiter braucht.

Wie macht man sich Ihrer Ansicht nach stark gegen
Krebs?

Besser, intensiver, gesünder leben. Das heißt im Wesentlichen: ausreichend körperliche Bewegung, Stress reduzieren, Fehlverhalten abbauen, gesunde Ernährung, Zeiten für gezieltes Entspannen und Erleben einplanen. Mehr kann man eigentlich nicht tun. Krebs ist ein multifaktorielles Geschehen. Das heißt, wir wissen in den seltensten Fällen, warum jemand an Krebs erkrankt und warum gerade jetzt. Selbst die Menschen, die am gesündesten leben, erkranken manchmal an dieser Krankheit und Kettenraucher können zuweilen ein hohes Alter erreichen, obwohl die Lunge vollständig verteert ist. Das ist das Geheimnis der Krebserkrankungen.

Prof. Dr. Tschuschke, herzlichen Dank für das Interview.