Dipl. oec. troph. Ursula Tenberge-Weber
Mit peppigen Verpackungen und lustigen Comicfiguren werben Frühstücksflocken, Kinderjoghurts und Süßwaren um den jungen Verbraucher. Zugesetzte Vitamine und Mineralstoffesollen auch Eltern von den Produkten überzeugen. Mit einer gesunden Ernährung haben angereicherte Kinderlebensmittel jedoch nichts zu tun.
Jonas ißt am liebsten Süßes. Zum Frühstück bevorzugt er Schokotrunk mit Honig-Pops, mittags spachtelt er Brote mit Nuß-Nougat-Creme, zwischendurch knabbert er Kinderkekse, und zum Abendbrot gibt es Multivitaminsaft. Seine Eltern glauben, er sei gut versorgt. Denn schließlich sind die Lebensmittel, die Jonas so gerne ißt, speziell für Kinder entwickelt und enthalten zahlreiche lebenswichtige Nährstoffe - so steht es jedenfalls auf den Verpackungen. Daß Jonas durch eine solche Kost zu viel Fett, reichlich Zucker und von einigen Vitaminen weit mehr als eigentlich nötig aufnimmt, verschweigt die Lebensmittelindustrie.
Der Markt an Kinderlebensmitteln ist ständig in Bewegung. Laufend kommen neue Kreationen hinzu. In einer Markterhebung aus dem Jahr 1997 konnte das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund 80 verschiedene Produkte ausfindig machen, die speziell für Kinder angeboten wurden. Etwa 35 Prozent der Lebensmittel waren mit Nährstoffen angereichert. Kinderlebensmittel sind vor allem in folgenden Produktgruppen zu finden:
Frühstückscerealien
Ein Blick in die Regale eines Supermarktes offenbart bereits mehr als 25 verschiedene Frühstücksprodukte für Kinder. Die Flakes und Pops werden aus Mehl, Wasser, Zucker und Aromastoffen zu kindgerechten Formen gepreßt. Damit die Kleinen mit einem solchen Frühstück auch wirklich groß und stark werden, mischt die Industrie noch etliche Vitamine und Mineralstoffe zu. Bis zu zehn Vitamine, vor allem der B-Gruppe, finden sich in einigen Frühstückscerealien.
Milcherzeugnisse
Niedliche, bunt verpackte Kinderjoghurts und -quarks haben sich mittlerweile in den Regalen der Supermärkte etabliert. In den kleinen Bechern werden vor allem Frischkäsezubereitungen, Joghurts und Milchmischgetränke angeboten. Obwohl Milchprodukte bereits natürlicherweise zahlreiche Vitamine und Mineralstoffe enthalten, mischen die Hersteller zusätzliche Nährstoffe darunter. Besonders häufig kommen die Vitamine B1, B2, B6, C, E und der Mineralstoff Calcium in die Milchprodukte.
Süßwaren
Um dem süßen Naschwerk einen gesunden Anstrich zu verleihen, werden auch Bonbons, Kekse und Schokoladenerzeugnisse mit Vitaminen und Mineralstoffen angereichert. Bonbons enthalten vor allem Vitamin C und eine Mischung aus den Vitaminen B1, B2, B6, B12, Folsäure, Pantothensäure, Niacin, Biotin und E. Auch die Mineralstoffe Calcium und Magnesium kommen zum Einsatz. Bei einigen Schokoriegeln und Bonbons werben Hersteller häufig mit einem hohen Milchanteil. Viele Produkte enthalten jedoch keinen einzigen Tropfen Vollmilch, sondern können lediglich mit Magermilchpulver, Süßmolkenpulver, Butterreinfett oder gezuckerter Kondensmilch aufwarten.
Brotaufstriche
Auch die ganze Palette der Nuß-Nougat-Cremes verspricht ein "gesundes" Frühstück für Kinder. Die Milchbestandteile sollen für Calcium sorgen, und die Vitamine C, E und Provitamin A dienen als weiteres Argument für den Kauf.
Getränke
Bunte Limonaden, Fruchtsaftgetränke und Multivitaminsäfte in kleinen Einwegpackungen sprechen besonders Kinder an. Sie enthalten häufig ein breites Spektrum an Vitaminen: Auf den Zutatenlisten finden sich vor allem Vitamin C, aber auch die Vitamine B1, B6, B12, Folsäure, Biotin, Niacin, Pantothensäure und E. Meist richtet sich die Werbung sowohl an Kinder als auch an Erwachsene, um deutlich zu machen, daß die Getränke gut für die ganze Familie sind.
Fertiggerichte
Suppen mit figürlichen Nudeleinlagen, Nudelgerichte mit Tomatensauce, Pizzen in Herzform und anderes mehr sollen Kinderherzen höher schlagen lassen. Der größte Teil der Fertiggerichte für Kinder unterscheidet sich von den herkömmlichen Lebensmitteln nur durch die Angebotsform und die Art der Werbung. Wenn eine Anreicherung erfolgt, werden vorwiegend die Vitamine B1, B2, B6, B12, Pantothensäure, C und E sowie die Mineralstoffe Calcium und Jod zugesetzt.
Aus technologischen Gründen werden einige Nährstoffe überdosiert. Damit die auf der Packung angegebenen Vitamin- und Mineralstoffmengen auch am Ende der Mindesthaltbarkeit noch vorhanden sind, geben Hersteller teilweise das 3fache der aufgeführten Konzentrationen zu. Vor allem bei den weniger stabilen, wasserlöslichen Vitaminen wird tief in die Nährstoffbehälter gegriffen. Die Stiftung Warentest ermittelte kürzlich, daß nur die wenigsten Kinderlebensmittel die Nährstoffmengen enthalten, die von den Herstellern angegeben sind. Die Tester fanden bei Frühstückscerealien für Kinder teilweise 300 Prozent höhere Vitaminmengen, als auf der Verpackung ausgewiesen. Am häufigsten überschritten die Milchmischgetränke die angegebenen Vitaminwerte.
Prädikat: Überflüssig
Bei Jungen und Mädchen, die regelmäßig Kinderlebensmittel essen, kann die Vitaminzufuhr schnell außer Kontrolle geraten. Ein Vielfaches der empfohlenen Tagesdosis wird aufgenommen, und die Zufuhr ist unausgewogen. Es ist zwar nicht zu befürchten, daß die Gesundheit dadurch gefährdet wird. Eine ständige Überversorgung ist jedoch nicht wünschenswert, zumal über das Wechselspiel der Vitamine im Körper noch lange nicht alles bekannt ist.
Vor lauter Vitaminen und Mineralstoffen wird meist ganz übersehen, daß sogenannte Kinderlebensmittel sonst nicht viel zu bieten haben. Die hohen Energie-, Fett- und Zuckergehalte erfahren Eltern erst nach intensivem Studium der Zutatenliste. Drei Viertel der Kinderlebensmittel enthalten erhebliche Mengen an Zucker und gehören somit zu den Lebensmitteln, die im Rahmen einer gesunden Ernährung nur gelegentlich toleriert werden sollten. Daß auch Vitaminbonbons und Milchschnitten nach wie vor Karies fördern, gerät bei all den zugesetzten Nährstoffen ebenfalls schnell in Vergessenheit.
LITERATUR:
FORSCHUNGSINSTITUT FÜR KINDERERNÄHRUNG (Hrsg.): Derzeitiges Angebot von Kinderlebensmittel auf dem Lebensmittelmarkt. In: DGE-Info 9, S. 131-133, 1997Quelle: Tenberge-Weber, U.: UGB-Forum 2/98, S. 99-102
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