Karin Wallner
Natürliche Süße aus Pflanzensäften ist eine gute Alternative zu Zucker. Für eine exotische Note an Desserts, Gebäck oder Eis sorgen Ahornsirup und Agavendicksaft.
Zur botanischen Familie der Ahorngewächse, der Aceraceae, gehören weltweit über 150 verschiedene Arten. Die stattlichen Laubbäume werden bis zu 40 Meter hoch und tragen große gezackte Blätter. Zur Gewinnung des Sirups ist vor allem der in Kanada und im Nordosten Amerikas vorkommende Zucker- oder Fels-Ahorn "acer saccharum" geeignet. Rund drei Viertel der Ernte werden aus seinen Stämmen abgezapft. Den Rest steuern der schwarze "acer nigrum", der rote "acer rubrum" und der weiße oder Silber-Ahorn "acer saccharinum" bei. Mehr als 90 Prozent des Ahornsirups stammen aus Kanada, das meiste davon aus Quebec. Ein geringerer Teil wird aus den USA exportiert.
Ein ausgewachsener Baum gibt ungefähr 40 Liter Saft pro Jahr ab. Die klebrige Flüssigkeit wird in Eimern gesammelt oder mit Hilfe von Vakuumpumpen über ein Rohrleitungssystem zur sogenannten Zuckerhütte geleitet. Dort stehen Edelstahlbehälter über offenem Feuer bereit, die den Saft bei einer Maximaltemperatur von 104?C auf einen Wassergehalt von 33 Prozent eindicken. Verunreinigungen werden durch einen Plattenfilter mit Tonerde entfernt. Ahornsaft enthält 3-10 Prozent Saccharose. Zum Vergleich: Bei Zuckerrü-ben liegt der Anteil dieses Zuckers bei 26 Prozent. Um einen Liter Ahornsirup zu erhalten, benötigt man etwa 40 Liter Saft. Bei einer Temperatur von 82 ?C wird der fertige Ahornsirup in Flaschen abgefüllt. Durch das Erkalten des Wasserdampfes bildet sich am oberen Rand der Gefäße ein Vakuum. Dieser Luftabschluß sorgt für eine natürliche Konservierung. Geschlossene Flaschen sind daher fast unbegrenzt haltbar. Einmal angebrochen sollte der Sirup trotz des hohen Zuckergehaltes im Kühlschrank aufbewahrt werden.
Zur Pflege der Ahornbestände werden zunehmend Düngemittel und Pestizide eingesetzt, um die Erträge zu steigern. Auch bei der Saftgewinnung, z. B. zur Reinigung der Zapfanlagen, wird immer häufiger auf chemische Hilfsmittel zurückgegriffen. Landwirte, die nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus arbeiten, kommen ohne Chemie aus. Ahornsirup aus Bio-Anbau ist von verschiedenen Naturkostfirmen meist in den Graden A und C im Handel. Pur auf Vanilleeis, frischen Waffeln oder Pfannkuchen kommt der typische Geschmack von Ahornsirup am besten zur Geltung. Desserts, Eis und Gebäck verleiht sein würziges Aroma eine charakteristische Note. Der Sirup eignet sich aber auch zum Glasieren oder um Gerichte süß-sauer abzuschmecken.
Agavenblätter dienten bereits vor 8000 Jahren als Nahrungsmittel. Die Azteken verwendeten die ganze Pflanze als Baumaterial, ihre Fasern dienten der Herstellung von Papier, Kleidung und Schuhen. Auch der Saft aus den mächtigen Pflanzen wird schon seit langem genutzt. Er soll die Wundheilung unterstützen und bei Entzündungen helfen. Außderdem wurde er traditionell zu Wein vergoren. Das mexikanische Nationalgetränk Pulque ist nichts anderes als Wein aus vergorenen Agavenblättern.
Dort, wo die Blätter zusammenlaufen, befindet sich das sogenannte Herz der Agave. Ritzt man es an, sondert es einen süßlichen Saft ab. Der Zuckeranteil variiert bei den verschiedenen Arten; bei der Agave americana kann er bis zu 8 Prozent betragen. Um Agavensaft als Süßungsmittel zu nutzen, wird er in Edelstahlbehältern auf einen Wassergehalt von 23-25 Prozent eingekocht. Es entsteht ein Dicksaft, dessen Kohlenhydratanteil fast ausschließlich aus Fructose, das heißt Fruchtzucker, besteht. Dieser Einfachzucker besitzt eine hohe Löslichkeit, und seine Süßkraft ist 1,2mal so intensiv wie die von Haushaltszucker. Allerdings kommt es beim Genuß von Speisen, die mit Fructose gesüßt sind, häufiger zu Unverträglichkeiten wie Durchfällen. Auch der übermäßige Genuß von Agavendicksaft kann zu solchen Beschwerden führen.
Sowohl Agavendicksaft als auch Ahornsirup sind dennoch nur eingeschränkt zu empfehlen. Im Vergleich zum Rohprodukt sind sie stark konzentriert und enthalten nur Spuren von Vitaminen und Mineralstoffen. Sie sollten daher nur gelegentlich in geringer Konzentration oder verdünnt eingesetzt werden. Gegen eine allzuhäufige Verwendung spricht außerdem ihre Herkunft. Die Süßungsmittel aus Kanada bzw. Mexiko müssen über weite Strecken mit hohem Energieaufwand nach Europa transportiert werden. Im Vergleich zu heimischen Fruchtdicksäften aus Äpfeln oder Birnen, die im Vakuum bei maximal 60?C eingedickt werden, ist der Energieaufwand bei der Herstellung zudem relativ hoch.
Quelle: Wallner, K.: UGB-Forum 1/98, S. 27-28
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