Dipl. oec. troph. Ulrike Becker
Rinderwahnsinn, Schweinepest und salmonellen-verseuchte Hühnchen haben dem Image von Steaks und Schnitzeln sehr geschadet. Aus gesundheitlichen Gründen wird Fleisch immer häufiger links liegen gelassen. Doch nach wie vor ist die Meinung verbreitet, ohne Fleisch würden wichtige Nährstoffe fehlen. Lesen Sie, was von vegetarischer Ernährung wirklich zu halten ist
Warum immer mehr Menschen immer weniger Lust auf fleischliche Genüsse verspüren, hat viele Gründe. Die meisten Vegetarier haben sich aus ethischen oder gesundheitlichen Motiven dazu entschlossen, auf Fleisch zu verzichten. Viele lehnen die Massentierhaltung ab, bei der überzüchtete Tiere ihr kurzes Dasein in viel zu engen Behausungen fristen müssen. Die Intensivhaltung schadet nicht nur den Tieren, sondern auch der Qualität des Fleisches. So finden Lebensmittelkontrolleure regelmäßig Rückstände von Tierarzneimitteln wie Antibiotika, die teilweise illegal eingesetzt werden. Andere verzichten auf den Fleischgenuß, weil sie Tieren die gleiche Würde wie Menschen zusprechen und daher generell Produkte von getöteten Lebewesen ablehnen, z. B. auch Leder. Nicht zuletzt kann auch die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, z. B. den Hinduisten, oder eine bestimmte Weltanschauung wie die Anthroposophie oder Makrobiotik Grund für eine vegetarische Lebensweise sein.
Die Befürchtung, daß Vegetarier zu wenig Eiweiß aufnehmen, ist bei allen drei Varianten unbegründet. Heute essen die Deutschen nicht zu wenig, sondern zu viel Eiweiß. Die übliche Kost enthält in der Regel reichlich Fett und begünstigt daher die Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen und anderen Zivilisationskrankheiten. Eine geringere Eiweißaufnahme ist also sogar wünschenswert. Zudem enthalten viele pflanzliche Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Getreide, Nüsse oder Kartoffeln reichlich Eiweiß. Werden sie mit Eiern oder Milchprodukten kombiniert, ist die biologische Wertigkeit - ein Maß für die Eiweißqualität - auch von Fleisch kaum zu übertreffen. Selbst wer vollständig auf tierische Produkte verzichtet, kann seinen Eiweißbedarf über pflanzliche Lebensmittel decken. Hierzu bedarf es allerdings einer gezielten Auswahl der Lebensmittel.
Fleischlos lebende Bundesbürger sind zudem sehr viel besser mit Ballaststoffen versorgt. Der größte Teil der gesundheitsfördernden Fasern stammt aus Getreide, das von vielen Vegetariern als volles Korn bevorzugt wird. Sowohl die geringere Fettaufnahme als auch die höhere Ballaststoffzufuhr werden als Begründung dafür angesehen, daß Vegetarier seltener an ernährungsabhängigen Erkrankungen wie Übergewicht oder Arteriosklerose leiden.
Vitamin B12 - Speicher sollten gefüllt sein
Vitamin B12 kommt ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vor und wird nur von Bakterien, Pilzen und einigen Algen gebildet. Neben Fleisch und Fleischwaren stellen Milch und Milchprodukte eine gute Quelle für Vitamin B12 dar. Pflanzliche Lebensmittel enthalten nur dann Spuren des Vitamins, wenn sie mit Mikroorganismen in Kontakt gekommen sind, z. B. durch Verunreinigungen. Der größte Teil des im Körper vorhandenen B12 wird über den enterohepatischen Kreislauf reabsorbiert, das heißt, der Körper nutzt einmal aufgenommenes Vitamin B12 immer wieder. So dauert es bis zu zehn Jahren, bis bei einer Ernährung ohne dieses Vitamin Mangelerscheinungen auftreten. Voraussetzung ist allerdings, daß die Vitaminspeicher zuvor gefüllt waren. Daher sind Kinder, die ausschließlich Pflanzliches essen, oder Menschen, die sich länger vegan ernähren, stark gefährdet, einen Vitamin-B12-Mangel zu entwickeln. Auch Senioren gehören zur Risikogruppe, da sie das Vitamin nicht so gut aufnehmen können. Eine Unterversorgung nachzuweisen ist schwierig, weil das Vitamin Folsäure im Stoffwechsel eng mit Vitamin B12 verknüpft ist. Da Folsäure in pflanzlicher Kost reichlich enthalten ist, kann ein B12 -Mangel relativ lange unerkannt bleiben. Bis eine Unterversorgung im Blutbild erkennbar wird, können bereits gravierende Schäden vorliegen. Für reine Pflanzenköstler scheint es daher ratsam, Vitamin B12 in Form von Nährstoffpräparaten aufzunehmen. Schwangere und stillende Veganerinnen sollten ihre Kost auf jeden Fall mit Vitamin B12 anreichern, da sonst schwere Mangelerscheinungen bei ihren Kindern auftreten können. Eine Studie zeigte, das Ovo-Lakto-Vegetarierinnen ausreichend mit Vitamin B12 versogt sind, wenn sie 380 Gramm Milch und Milchprodukte pro Tag und ein Ei pro Woche verzehren.
Vegetarier verzehren mehr Gemüse und Obst und nehmen daher mehr Nitrat auf als Nicht-Vegetarier. Aus Nitrat können Bakterien Nitrit bilden, das mit Eiweißbestandteilen zu den krebserregenden Nitrosaminen reagieren kann. Insbesondere für Vegetarier ist es daher empfehlenswert, nitratarme Erzeugnisse der Saison zu bevorzugen. Um die Nitritbildung durch Bakterien zu verringern, sollten außerdem Gemüse- und Getreidegerichte nicht lange aufbewahrt und nicht wieder erwärmt werden. Eine repräsentative Studie zeigte, daß die meisten Vegetarier diese Empfehlungen beherzigen und trotz ihres reichlichen Gemüseverzehrs keine höheren Nitratwerte in Blut, Speichel oder Urin aufweisen.
Zahlreiche Studien belegen, daß Vegetarier seltener an Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Altersdiabetes leiden. Auch von Arteriosklerose und Herz-Kreislauferkrankungen sind sie in geringerem Ausmaß betroffen. Ihr Risiko, an Krebs zu erkranken, ist ebenfalls geringer. Wissenschaftler führen das nicht allein auf den Fleischverzicht zurück, sondern machen dafür auch die höhere Zufuhr an sekundären Pflanzenstoffen verantwortlich, von denen zahlreiche Substanzen krebsvorbeugend wirken. Vegetarier können auch mit einer höheren Lebenserwartung rechnen. Todesfälle durch koronare Herzerkrankungen, Diabetes mellitus, Hirninfarkt oder eine Reihe von Krebsformen traten in einer Studie nur halb so oft auf wie bei einer Kontrollgruppe, die sich konventionell ernährte. Je länger jemand vegetarisch ißt, desto größer ist die Chance für ein langes, gesundes Leben. Berücksichtigt werden muß dabei allerdings, daß Vegetarier in der Regel bewußter und gesünder leben als ihre fleischessenden Mitbürger. Unter ihnen gibt es deutlich weniger Raucher, sie trinken weniger Alkohol und treiben häufiger Sport. Außerdem nehmen sie seltener die Anti-Baby-Pille ein und tun häufiger etwas für ihre Entspannung, z. B. durch Autogenes Training oder Yoga.
Jodiertes Salz unverzichtbar
Jod ist Bestandteil der Schilddrüsenhormone, die eine wichtige Rolle bei zahlreichen Stoffwechselprozessen spielen. Da Vegetarier keinen Fisch essen, nehmen sie in der Regel noch weniger Jod auf als die übrigen Bundesbürger, die ebenfalls unzureichend versorgt sind. Bei Veganern ist die Zufuhr noch geringer, da zusätzlich Milch und Milchprodukte als Jod-quellen entfallen. Um eine ausreichende Jodversorgung zu gewährleisten, sollten Pflanzen- und Mischköstler auf jeden Fall konsequent Jodsalz verwenden und Brot, Käse sowie andere Produkte bevorzugen, die mit jodiertem Salz hergestellt sind.
Aus gesundheitlicher Sicht sind die Ovo-Lakto-Vegetarier eindeutig am besten ernährt, vorausgesetzt, sie gestalten ihren Speiseplan abwechslungsreich und vollwertig. Sogenannte "Puddingvegetarier", die lediglich Fleisch weglassen und ebenso viel, fett und süß wie durchschnittliche Mischköstler essen, haben aus gesundheitlicher Sicht nichts gewonnen. Die meisten Ovo-Lacto-Vegetarier setzen jedoch eine Ernährungsweise um, die weitgehend den Empfehlungen der Vollwert-Ernährung entspricht: Sie essen reichlich pflanzliche Lebensmittel, bevorzugen Vollkornprodukte, verzehren weniger Fett, trinken weniger Kaffee und Alkohl und vermeiden stark verarbeitete Fertigprodukte. Doch nicht nur aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen verzichten Menschen auf Fleisch. Auch aus ökologischer Sicht kann eine pflanzenreiche Ernährung sinnvoll sein, wenn die Produkte umweltverträglich angebaut werden. Probleme wie Massentierhaltung und Futtermittelimporte aus Entwicklungsländern lösen sich so von selbst.
LITERATUR:
AALDERINK, J. u. a.: Ergebnisse der Gießener Vollwert-Ernährungsstudie. In: Ernährungs-Umschau 9, 41. Jg., S. 328-335, 1994
LEITZMANN, C.; HAHN, A.: Vegetarische Ernährung. Ulmer, Stuttgart 1996
POHL, T.: Nitrat: Die Menge machts zum Problem. In: UGB-Forum 5, 9. Jg., S. 282-284, 1992
RITTER, M.M.; RICHTER, W.O.: Gesundheitliche Auswirkungen einer vegetarischen Ernährungsweise. In: Fortschr.Med. 16, 113 Jg., S. 239-242, 1995
WEIGT, S.: Eisen: Zuviel kann schaden. In: UGB-Forum 5, 13. Jg., S. 282-284, 1996
Quelle: Becker, U.: UGB-Forum 6/98, S. 342-345
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