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So essen Kinder gesund

Süßigkeiten von morgens bis abends - davon träumen viele Kinder. Die jungen Feinschmecker zu mehr Obst und Gemüse zu motivieren ist nicht immer einfach. Mit einem offenen Erziehungsstil und gutem Vorbild erreichen Eltern am meisten - Gesunde Kinder durch gesundes Essen.

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Nach der vierten Stunde ist für Lina die Schule aus. Die Zehnjährige geht den kurzen Weg zu Fuß nach Hause. Als sie in eine Seitenstraße einbiegt, läßt sie schnell ihr Pausenbrot in einem Abfallkorb verschwinden. Danach steuert sie zielstrebig den nächsten Kiosk an. Wenige Minuten später kommt sie kauend wieder heraus; in der Hand einen Schokoriegel und in der Jackentasche ein Fruchtgetränk. Als Linas Mutter herausbekommt, daß Lina ihr Pausenbrot wegschmeißt und ihr Taschengeld regelmäßig für Süßigkeiten ausgibt, ist sie verärgert und fühlt sich hintergangen. Sie ist mit ihrer Weisheit am Ende. Wie oft hat sie Lina schon erklärt, daß das Zeug ungesund ist.

Kinder und Eltern in der Beratung

Stellen Sie sich vor, die beiden kommen - Lina nicht ganz freiwillig - in die Beratung. Das Anliegen der Mutter liegt auf der Hand: Lina soll ihr Pausenbrot essen und keine Süßigkeiten. Und Lina will vielleicht einfach nur schnell weg hier. Was ist das Ziel des Beraters in dieser Situation? Wenig erfolgversprechend ist es, Lina über eine gesunde Ernährung zu informieren. Vielmehr sollte zunächst geklärt werden: "Was ist das Problem?" Hier werden die Beteiligten mehrere Antworten geben:
  • Lina ißt zuwenig Gesundes und zuviel Süßes.
  • Lina gibt zuviel Geld aus.
  • Lina hält sich nicht an die Vorgaben der Mutter.
  • Lina wirft Lebensmittel weg.
  • Die Mutter ist verärgert.
  • Lina fühlt sich ständig kontrolliert.
  • Lina mag das Pausenbrot nicht.
  • ...
Die Liste zeigt deutlich, daß zwischen Lina und ihrer Mutter im Grunde ein Kommunikationsproblem besteht. Bestimmt weiß Lina schon, welche Lebensmittel gesund sind und daß Zucker irgendwann einmal Löcher in die Zähne frißt. Dennoch wirft sie ihr Pausenbrot weg, weil sie es nicht mag. Sie kauft sich heimlich Süßigkeiten, weil die Mutter solche Zuckersachen verboten hat. Mit einer normalen Ernährungsberatung kommt der Berater hier wahrscheinlich nicht weiter. Vor allem reicht es nicht aus, nur mit dem Kind zu reden.

Gesunde Ernährung für Kinder: Essen ist kein Erziehungsmittel

In vielen Familien kommt es zwischen Eltern und Kind aufgrund unterschiedlicher Interessen zu Konflikten ums Essen, insbesondere um Süßigkeiten. Diese Auseinandersetzungen können sich verselbständigen und wie ein Ritual immer wieder durchgespielt werden, ohne daß konstruktive Lösungen gefunden werden. Eltern setzen dabei Lebensmittel häufig zur Bestrafung oder als Trost ein. Kinder, die immer wieder mit Lebensmitteln belohnt oder bestraft werden, verinnerlichen dies und neigen auch im Erwachsenenalter dazu, emotionale Spannungen mit Essen zu kompensieren. Besser ist es daher, wenn Eltern und Kind Ernährungskonflikte frühzeitig konstruktiv lösen. Hier tragen die Erwachsenen eine entscheidende Verantwortung. Im Gegensatz zu den Kindern können sie den Prozeß besser überblicken, sich die Situation vergegenwärtigen und die Konsequenzen abschätzen. Kinder müssen diese Fähigkeit erst Schritt für Schritt entwickeln und nähern sich erst im Jugendalter dem Niveau von Erwachsenen an.

Durch ihren Erziehungsstil bestimmen Eltern daher wesentlich das Ernährungsverhalten ihrer Kinder: Eltern können die Lebensmittelmenge und die Vielfalt des Essenangebots beeinflussen. Sie können das gewünschte Ernährungsverhalten vorleben und die Kinder bei der Umsetzung unterstützen. Sie können die Eßwünsche und Signale des Kindes beachten oder aber Konflikte mit Lebensmitteln lösen.

Durch ihr Verhalten geben Eltern dem Kind mehr oder weniger deutliche Zeichen. Wenn das Kind nur selten frei entscheiden kann und immer seinen Teller leer essen muß - sprich, wenn ein dirigierender Erziehungsstil vorherrscht und Lebensmittel zur Belohnung oder Bestrafung eingesetzt werden, kann dies zu Störungen im Ernährungsverhalten des Kindes führen. Besteht zwischen Eltern und Kind dagegen eine offene Gesprächskultur und wird das Kind als eigene Person wertgeschätzt, wirkt sich das positiv auf dessen Selbständigkeit aus. Leben die Eltern zudem eine gesundheitsbewußte Lebensweise undogmatisch vor, wird das Kind dieses Verhalten viel eher übernehmen. Es lernt sozusagen am Modell.

Wissen heißt noch lange nicht tun

Bei einem solchen Erziehungsansatz spielt die Information über gesundes Essen eine untergeordnete Rolle. Gut gemeinte Ratschläge und Belehrungen wirken meist nicht in dem Maße, wie wir uns das als Eltern oder Berater vielleicht wünschen. Jede Mutter kann das bestätigen: "Hab ich Dir nicht schon hundertmal gesagt ...?" Kinder können recht gut gesunde und ungesunde Lebensmittel benennen. Dieses Wissen wirkt sich jedoch nur unzureichend auf ihr Ernährungsverhalten aus. Uns Erwachsenen geht es ja genauso: Wir wissen alle, daß Schokolade viel Kalorien und Fett enthält, aber das hindert uns nicht daran, oft mehr zu essen, als uns vielleicht gut tut. Aus der Verhaltenspsychologie ist bekannt, daß erst komplexe Selbstlernprogramme uns helfen, eigene Motive zu erkennen und schrittweise unser Verhalten zu verändern. Bei Kindern greifen solche kopflastigen Wege nicht. Ihr Verhalten wird vielmehr durch erlebnisorientiertes Tun, z. B. Kochen, Spielen, Geschmackserleben und von Vorbildern wie Eltern oder Gleichaltrigen geprägt.

Trotz der vielen Konflikte beim Einkaufen und mancher Eßeigenarten der Kinder, bestimmen dennoch vor allem die Eltern, was eingekauft wird. Abgesehen davon, daß Lina keine Äpfel mag, ist es von dem Einkaufsverhalten der Mutter (und natürlich vom Haushaltsgeld) abhängig, ob es zu Hause eine Obstschale gibt. Da die Eltern letztlich das Nahrungsmittelangebot in der Familie auswählen, sind sie die effektivere Zielgruppe für die klassische Ernährungsaufklärung. Kinder möchten nicht mit dem erhobenen Zeigefinger gesagt bekommen, was sie essen bzw. nicht essen sollen. Sie sind neugierig und haben Spaß daran, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Aus diesem Grund brauchen Kinder erlebnis-orientierte Förderangebote: Geschmackstests, Phantasiereisen, Hilfen bei der Handhabung von Konflikten sowie Bewegungs- und Entspannungsspiele. Verzichten Sie möglichst auf Negatives wie "Du darfst nicht!"; unterstützen Sie das Positive, die Vielfalt, den Spaß und das Spiel.

Gegenseitige Wertschätzung wichtig

Vermutlich wird auch in Linas Familie gegessen, was die Mutter auf den Tisch bringt bzw. in die Schultasche steckt. Bisher sah Lina nur die Möglichkeit, ihre heißbegehrten Süßigkeiten von ihrem Taschengeld zu kaufen. Zugleich mußte sie sich des ungeliebten Pausenbrots entledigen, um einem Streit mit der Mutter auszuweichen. Letztlich können Mutter und Tochter diesen Konflikt nur produktiv lösen, wenn sie darüber sprechen und einen Weg finden, der für beide Parteien akzeptabel ist. So fühlt sich keine Seite unterlegen. Lina und ihre Mutter haben diese gegenseitige Wertschätzung noch nicht, als sie in die Beratung kommen. Der erste Schritt für den Berater besteht somit darin, eine gleichberechtigte Ebene für beide Parteien zu schaffen. Er darf nicht zum verlängerten Arm der Mutter werden, sondern muß auch das Vertrauen des Kindes gewinnen. Dadurch wird es Lina viel leichter fallen, den Berater als Vermittler zu akzeptieren. Der Berater fordert die Mutter zunächst auf, das Problem aus ihrer Sicht zu schildern. Dabei interessieren ihn auch die Gefühle und Beweggründe der Mutter. Sie berichtet: "Also mir ist besonders wichtig, daß Lina ein Pausenbrot mit hat und sich nicht irgendwelche Süßigkeiten kauft. Lina war immer schon eine schlechte Esserin. Sie würde nie ihren Teller leer essen, wenn ich nicht auf sie einreden würde. Bei Süßigkeiten ist sie nicht so wählerisch. Lina gibt ihr ganzes Taschengeld für dieses Zeug aus. Das ärgert mich. Sie sollte lieber etwas davon sparen. Und als ich jetzt erfahren habe, das Lina die Pausenbrote einfach wegwirft, bin ich explodiert. Ich fühlte mich betrogen und überhaupt, so etwas tut man nicht."

Jetzt ist Lina an der Reihe. Natürlich ist es für sie nicht einfach, nach der Mutter ihre eigene Geschichte zu erzählen. Vielleicht ist es sinnvoll, zunächst mit beiden getrennt zu sprechen. Dazu ist in der konkreten Situation Fingerspitzengefühl erforderlich. Lina erzählt: "Julia hat immer diese Frühstückchen mit, Lara trinkt Caprisonne, und Marie bekommt Schokolade aufs Brötchen. Nur ich muß immer diese trockenen Brote essen. Die anderen lachen mich schon aus. Am Kiosk in der Schule gibt es seit einem Jahr keine Süßigkeiten mehr. Also esse ich in der Pause nichts. Nach der Schule gehe ich dann schnell zum Kiosk um die Ecke. Mama schimpft immer, wenn ich über die Brote maule, also hab ich zum Schluß gar nichts mehr gesagt ..."

Gesunde Ernährung für Kinder: Gemeinsam Kompromisse finden

Sicher fällt es Mutter und Kind schwer, in einer solch verfahrenen Situation offen miteinander zu reden. Hierzu sind kommunikative Fähigkeiten auf beiden Seiten erforderlich. Beispielsweise lernen Kinder ihre Eßwünsche nur mitzuteilen, wenn die Eltern diese auch berücksichtigen. Wenn das Kind emotionale Belastungen nicht mit Essen beantworten soll, darf es mit Essen auch nicht belohnt oder bestraft werden. Das bedeutet, daß dem Kind weder der Nachtisch gestrichen wird, weil es das Gemüse nicht gegessen hat, noch daß das Kind mit einem Eis belohnt wird, weil der Einkauf so problemlos war. Mutter und Tochter kommen nicht umhin, gemeinsame Absprachen zu treffen. Die Mutter wird dabei die langfristige körperliche, aber auch geistige Entwicklung und das Familienleben im Auge haben. Die Tochter wird versuchen, so viel Selbstbestimmung wie möglich zu erreichen. Nicht nur Erwachsenen fällt es schwer, sich an Vereinbarungen zu halten. Für Kinder ist diese kognitive Leistung Schwerstarbeit. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich, daß an dieses Thema immer wieder erinnert werden muß. Konflikte werden somit nicht unter den Teppich gekehrt, sondern in Gesprächen aufgegriffen.

Offene Gesprächskultur fördern

Die Mühe lohnt sich: Mittelfristig unterstützt eine solche Gesprächskultur, daß Konflikte ohne großen Streß bewältigt werden und daß das Kind ein selbständiges, nicht nur bedarfsgerechtes, sondern auch bedürfnisgerechtes Ernährungsverhalten entwickelt. Das Ziel der Beratung könnte lauten, Lina in ihrer Selbständigkeit zu unterstützen, das Pausenbrot für Lina attraktiver zu machen und einen geregelten Umgang mit Süßigkeiten zu vereinbaren. Und welches Ziel haben Sie vor Augen? Wie könnte eine für beide Seiten tragbare Abmachung aussehen?

Eigenes Erleben steht ganz vorn

In der Ernährungsberatung können Kinder und Eltern in folgenden Lernbereichen unterstützt werden: Bei Kindern sollte an erster Stelle die Entwicklung des Geschmackerlebens und das Kennenlernen der Nahrungsmittelvielfalt gefördert werden. Hinzu kommen Hilfen beim Lösen von Ernährungskonflikten beispielsweise durch Gespräche. Zudem ist es sinnvoll, Körpererfahrung und Bewegung zu stärken, da diese die Identitätsentwicklung sowie die Sättigungsregulation des Kindes beeinflussen. Wenn ein Kind gelernt hat, seine Körpersignale differenziert wahrzunehmen und adäquat zu beantworten, wird es Probleme seltener mit Essen beantworten. Erst an zweiter Stelle stehen die kindgerechten Ernährungsinformationen, wobei sich weder Ernährungswissenschaftler noch Pädagogen einig sind, was ein Kind letztendlich wissen sollte. Bei Eltern und Erziehern geht es vor allem darum, das Wissen um eine ausgewogene Ernährung zu erweitern und einen Erziehungsstil zu verstärken, der die Selbständigkeit des Kindes fördert. Des weiteren sollten Eltern die Bedeutung der Körpererfahrung und der Bewegung für die Entwicklung des Kindes erkennen und am Beispiel erleben.

Gesunde Ernährung für Kinder: Maßvoller Umgang mit Süßigkeiten

Eine Kindheit ohne Süßigkeiten ist in unserer Gesellschaft unvorstellbar. Auch wenn Eltern es schaffen, während der ersten Jahre Schokolade & Co von ihrem Nachwuchs fernzuhalten, kommt er spätestens in der Kindergruppe, beim Kindergeburtstag oder einem Besuch bei Opa und Oma auf den Geschmack. Problematisch werden Süßigkeiten vor allem dann, wenn das Kind einen Großteil seines Energiebedarfs damit deckt. Für Lebensmittel, die wichtige Nährstoffe liefern, ist dann nur noch wenig Platz. Ziel sollte es daher sein, Kinder zu einem maßvollen Umgang mit Süßigkeiten zu erziehen.

Gelegentlich reicht
Süßigkeiten sollte es nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit geben. Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind Zeiten, am besten nach einer Mahlzeit, an denen es etwas Süßes bekommt. Danach können dann gleich die Zähne geputzt werden. Auch süße Mitbringsel müssen nicht alle auf einmal verzehrt werden, sondern können nach und nach aufgebraucht werden.

Mit gutem Vorbild voran
Glaubwürdig sind Ihre Bemühungen nur, wenn Sie selbst einen maßvollen Umgang mit Süßigkeiten vorleben und am besten erst gar keine Naschereien im Haus haben. Dann kommt Ihr Kind auch viel seltener auf die Idee, daß es etwas Süßes haben will.

Süßschwelle reduzieren
Untersuchungen des Forschungsinstitutes für Kinderernährung in Dortmund haben gezeigt, daß viele Kinder auch mit mäßig gesüßten Lebensmitteln zufrieden sind. Am einfachsten ist es, wenn sie erst gar nicht an eine intensive Süße gewöhnt werden. Bei gekauften Süßwaren hat man leider nur wenig Einfluß auf den Zuckergehalt. Mit Süßstoff hergestellte, sogenannte zahnfreundliche Naschereien sind meist besonders süß. Probieren Sie daher selbst die Süßigkeiten, die Sie Ihrem Kind geben und bevorzugen Sie mäßig Gesüßtes wie Vollkornkekse, Reiswaffeln oder Fruchtjoghurts.

Natürliche Süße nutzen
Mit natürlicherweise süßen Lebensmitteln wie Obst und selbstgemachten Süßspeisen läßt sich das Bedürfnis nach Süßem vielfach schon befriedigen. Obst, Trockenfrüchte, und selbstgemachte Vollkornkuchen oder Puddings haben den Vorteil, daß sie wichtige Nährstoffe liefern. Verwenden Sie Süßungsmittel, die einen Eigengeschmack haben wie Honig, Dicksäfte oder Vollrohrzucker; sie werden automatisch geringer dosiert.

LITERATUR:
DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR ERNÄHRUNG E.V. (Hrsg.): Der Ernährungsbericht 1984. Druckerei Henrich, Frankfurt a.M.1984
HASSEL, H.: Bärenstark essen. Arbeitskartei Ernährung für Kinder (6-10 Jahre). In: AID Verbraucherdienst. 2/40 Jg., S. 33-39, 1995
HASSEL, H.: Fühlen, wenn ich hungrig bin, essen, was mir guttut. Anregungen zur Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten. In: Handbuch der Elementarerziehung. Ergänzungslieferung 10: 2.48, Kallmeyer, Seelze 1995
HASSEL, H.: Gesundheitsförderung - Bausteine für ein didaktisches Modell "Gesunde Gewichtsentwicklung von Kindern (6-10 Jahre)", Dr. Köster Verlag, Berlin 1996
SCHULZ VON THUN, F.: Miteinander reden. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Bd. 1, Rowohlt, Hamburg 1993

Quelle: Hassel, H.: UGB-Forum 4/99, S. 190-193


Foto: © Julia Britvich/Fotolia.de

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