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Wer teilt hat mehr vom Leben

Das gegenwärtige Wirtschaftssystem kann stressig und überfordernd sein. Längst versuchen Menschen, Alternativen zu entwickeln. In der Gemeinschaft erleben sie das Glück, selbstbestimmter und gleichberechtigter zu wirken und andere zu unterstützen.

Zufriedenheit fördert die Gesundheit. Diese Einsicht ist zwar banal, findet aber in unserem Wirtschaftssystem keinen Widerhall. Das funktioniert nach völlig anderen Werten und Kriterien. Der auf Geldvermehrung ausgerichtete Kapitalismus hat längst weite Teile der Gesellschaft durchdrungen, die ursprünglich gar nichts mit Wirtschaft zu tun hatten: Bildung, Wissenschaft und Gesundheitswesen, um nur einige zu nennen.

Wirtschaftswachstum kein Kriterium für Zufriedenheit

Auf der ganzen Welt hat sich das Bruttosozialprodukt in den letzten Jahrzehnten mehr als versechsfacht, doch die Lebenszufriedenheit ist im selben Zeitraum im Schnitt um kaum mehr als ein Tausendstel gestiegen. Am allerwichtigsten für das Wohlbefinden sind stabile Beziehungen – in der Liebe, der Familie, der Nachbarschaft, der Gesellschaft. Wir brauchen verlässliche Freundschaften und Gemeinschaften, die uns ein warmes Gefühl von Zugehörigkeit, Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. In einem dichten sozialen Netzwerk können wir uns darauf verlassen, Hilfe in Not und Krisenzeiten zu finden.

Soziale Bindungen stärken

Auf kooperative Verhaltensweisen reagiert unser Hirn mit der Ausschüttung von Glückshormonen. Wenn jemand gemeinschaftsstärkend und menschenfreundlich agiert, erhält das Gehirn eine Dopamindusche. Unser Hirn ist durch und durch ein soziales Organ und belohnt uns, wenn wir andere Menschen glücklich machen. Wir freuen uns, wenn sich andere freuen, und fühlen uns obendrein moralisch gut. Dazu passt auch, dass Beschäftigte in gemeinnützig orientierten Firmen laut Studien ihre Arbeit lieber verrichten als Angestellte in gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen, auch wenn sie weniger verdienen. Belegschaften in Non-Profit-Betrieben sind im Schnitt zufriedener als die in profitorientierten. Menschen mit altruistischen Zielen, Freiwillige und Ehrenamtliche sind im Schnitt erheblich glücklicher als Egoisten und Karrieristen.

Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen

Das Problem ist, dass ehrenamtliche Tätigkeiten in Wirtschaft und Politik kaum Anerkennung findet, weil dabei kein Geld fließt. Es herrscht ein Zwei-Moral-System: In der Wirtschaft gelten Egoismus, Konkurrenz und Karrierismus als gut und notwendig, und in der Sozialsphäre werden die dadurch gerissenen Wunden genäht und gepflegt. Selbstverständlich sollen Politik und Staat nicht bestimmen, wie wir zu leben haben. Aber sie könnten bessere Rahmenbedingungen setzen. Dazu gehört ein vereinfachtes Genossenschaftsrecht ebenso wie Saatgutgesetze, die alte Sorten fördern statt Hochertragssorten oder eine nicht kommerziell orientierte Wasserversorgung. Auch Forschung und Bildung müssten von der ökonomischen Verwertungsperspektive entkoppelt werden, Arbeitszeiten so gestaltet sein, dass die Menschen Zeit haben, Freunde und Verwandte zu pflegen.

Wertschätzung ist Wertschöpfung

Glück, Wissen und Lachen gehören zu jenen Dingen, die sich vermehren, wenn man sie teilt. Teilen ist ein sozialer Prozess und verstärkt positive Feedback-Schleifen. Mehr Wertschätzung statt Wertschöpfung, beitragen statt eintauschen, teilhaben und nutzen statt kaufen: Nicht berechnendes Sharing und Caring tragen dazu bei, die Ökonomie wieder ganzheitlich wahrzunehmen. Ein Beispiel ist das Stadtgärtnern (Urban Gardening), das sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den letzten Jahren so vielseitig entwickelt hat, wie vielleicht nirgendwo auf der Welt. In Berlin, Dessau, Halle und anderen schrumpfenden Städten erwacht auf brachliegenden Flächen neues Leben. Weltweit züchten inzwischen rund 800 Millionen Menschen Essbares in der Stadt.

„Das Lebende lebendiger werden lassen!“

So formulierte der Physiker und alternative Nobelpreisträger Hans-Peter Dürr die Leitlinie für gutes Gedeihen. Ökosysteme und menschliche Gesellschaften sind umso robuster, kreativer und freundlicher, je mehr ihre Beteiligten ihre Unterschiede in Geschlecht, Alter, Kenntnissen und Kultur zum Ausdruck bringen können. Unsere Diversität ist unser Reichtum. Das Internet macht es heute sehr einfach, kreative Menschen miteinander zu vernetzen und vielfältiges Wissen als Open Source, also als offene Quellen, zu teilen. Ob Crowdfunding, Food-Sharing oder Tauschbörse: Warum sollte man kluge Lösungen für sich behalten? Es ist doch viel beglückender zu wissen, dass man anderen hilft – ganz ohne zusätzlichen Aufwand. Die Philosophie des Ubuntu in Südafrika besagt: „Ich kann nicht glücklich sein, wenn du unglücklich bist; wir gehören alle zusammen.“ Empathische Beziehungen wie Liebe, Familie, Freundschaft und Gemeinschaft sind die wertvollste Essenz für unser Lebensglück. Soziale Bindungen machen unabhängig und fördern unsere individuelle Autonomie. Nur sie geben jene soziale Sicherheit und Geborgenheit, die wir alle brauchen und die auch eine der wichtigsten Grundlagen für Lebensglück und Gesundheit sind.

Gekürzt nach Annette Jensen und Dr. Ute Scheub, UGBforum 6/15

Tipp: Das Buch der Autorinnen „Glücksökonomie – Wer teilt, hat mehr vom Leben“, erschienen im oekom-Verlag.

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