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Der Tipp für Ihre Gesundheit

Aspekte von Gesundsein und Kranksein zwischen Überforderung und Ermüdung gibt Dr. med. Günther Schwarz zu bedenken. Er motiviert dazu, den unglaublichen Kraftzuwachs im Augenblick der Interaktion, im Moment des Gemeinsamen wertzuschätzen.

Viele sind erschöpft, individuell wie kulturell-gesellschaftlich. „Ist ja kein Wunder in diesen Zeiten!“ sagen immer mehr. Die Anstrengungen sind immens, doch immer weniger scheint zu gelingen. Die Weltlage präsentiert sich desaströs-entmutigend, die Gründe dafür stapeln sich. Die Politik schleppt sich dahin, die Individuen scheinen sich im Burnout einzurichten.

Es scheint, als sei ein unbestimmtes Kranksein die dazu passende Form. Die Zahl der chronisch Verstimmten, der mit dem Leben irgendwie immer Unzufriedenen und der ob der allgemeinen Zumutungen dauerhaft Empörten wächst kontinuierlich und mit ihr vermehrt sich der allgemeine Krankenstand. Die Schar der chronisch Erkrankten vermehrt sich unaufhörlich. Und die Medizin selbst findet sich ebenso wie ihre Patienten in der „chronic fatigue“ wieder.

Wenn ich als Arzt realisiere, dass wir in einem der reichsten Länder der Erde mit einem hoch entwickelten Gesundheitssystem leben, frage ich mich, was denn da geschieht. Woher kommt diese eklatante Unzufriedenheit, wo wir doch (zumindest die meisten!) alles haben, was wir brauchen. Und noch mehr.

Schwäche im Überfluss?

Dabei glauben wir doch zu wissen, wie es geht mit dem richtigen Leben. Der allgemeine Wissensstand ist hoch; wir wissen, wie man sich gesund ernährt; wir wissen, dass Sport und Bewegung förderlich sind und wir wissen, wie verheerend Disstress wirkt.

Es scheint jedoch, als blendeten alle diese auf das Individuum bezogenen Aspekte etwas anderes Grundlegendes aus. Immer mehr vom Gleichen ist offensichtlich wirkungslos.

Möglicherweise übersehen wir dabei, dass wir Gesundheit nicht haben können. Nicht so, wie wir die Dinge in unserem Habenkonto vermehren. Und dass die Frage, was mir denn nun dieses oder jenes nutzt, wie also mein „Konto“ wächst, die Müdigkeit offensichtlich nicht vertreibt.

Gesundheit (und damit auch Krankheit) ist kein Objekt, das wir oben auf die Liste setzen können. In einem modernen und dem humanistischen Bild entsprechenden Medizinverständnis ist sie ein dynamischer Zustand, der sich augenblicklich ändern kann. Und sie zeigt sich immer in der Reibungszone des Individuums mit der Welt. Sozusagen im Austausch.

Ein solcher Blick ist nicht im engen Sinne medizinisch. Er ist vielmehr gesellschaftswissenschaftlich ausgerichtet. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von der überreizten und zugleich erschöpften Gesellschaft. Und er deckt auf, wie ein chronisch auf Vermehrung ausgerichtetes Input-Output-Denken, also die abwehrende Frage: „Und was bringt mir das jetzt, wenn ich mich für das Gemeinsame engagiere?“ geradewegs in die Erschöpfung führt. Und damit in die Krankheit. Was nicht erkannt werde, so Hartmut Rosa, sei der fast schon wundersame energetische Aufstieg, der unglaubliche Kraftzuwachs im Augenblick der Interaktion, im Moment des Gemeinsamen. Ich bin mir sicher, viele machen solche Erfahrungen in einem spontanen Treffen mit Freunden oder der nicht geplanten Nachbarschaftshilfe und fragen sich dann vielleicht, warum sie sich trotz einer intensiven und vielleicht auch anstrengenden gemeinschaftlichen Zeit unerwartet gut und vital fühlen.

Rosa spricht von einer zirkulierenden sozialen Energie, an die wir sozusagen angeschlossen werden, wenn wir uns auf den Nächsten einlassen. Eine Energie also, die uns nicht persönlich gehört und die wir dann auch nicht aufbewahren können. Allerdings können wir sie immer wieder wahrnehmen.

Und sie ist eine Energie, die in überzeugender Weise unsere Gesundheit, die ebenso nicht dinglich ist, aufblühen lässt.

Im Sinne einem weit gefassten, bewusst nicht auf Physik und Chemie verstandenen Medizinverständnis könnte dieser sozial verstandene Befund für alle Grund zur Nachdenklichkeit sein und damit Ermunterung zum Engagement.

Text von Dr. med. Günther Schwarz, Mitglied im 'Rat der Gesundheitsweisen‘ beim Förderverein, 02/2024, Alter: 73 Jahre.

© Bild:Helena Lopes/Pexels