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Einfach leben = nachhaltig leben

Die Nachfrage nach Produkten, die unter nachhaltigen Gesichtspunkten hergestellt werden, steigt. Nachhaltig leben bedeutet aber mehr, als konventionelle gegen alternativ produzierte Ware auszutauschen. Dr. Tina Joanes vom Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung der Uni Gießen beschäftigt sich in ihrer Forschungsarbeit mit Verbraucherverhalten und nachhaltigem Konsum. Sie ist überzeugt, dass es auch um weniger Konsum gehen muss.

Sie haben sich vielleicht selbst schon mal gefragt, ob Sie zum Beispiel im März noch deutsche Äpfel kaufen sollten oder argentinische besser in der Klimabilanz abschneiden? Die CO2-Bilanz eines Produkts hängt von vielen Faktoren ab, beispielsweise von der benötigten Energie zur Erzeugung, Lagerung und Verarbeitung, dem Transport oder der Vermarktung. Diese Komplexität erschwert es Konsumenten oft, die Nachhaltigkeit einzelner Produkte zu beurteilen. Hinzu kommen soziale Fragestellungen, beispielsweise nach den Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter:innen. Die Einflussfaktoren sind vielschichtig, und nachhaltig zu konsumieren ist nicht immer einfach.

Vor diesem Hintergrund hat die umgekehrte Formel: einfach leben = nachhaltig leben in letzter Zeit wieder an Bedeutung gewonnen. Während in den letzten Jahrzehnten der Fokus auf stetig wachsenden Nischenmärkten für nachhaltige Produkte lag, wie Biolebensmittel und Elektroautos, bleibt aus Sicht des Klimaschutzes eine zentrale Frage: Wird bei aller Effizienz und Ressourceneinsparung tatsächlich eine vollständige Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch möglich sein? Global betrachtet ist dies bisher nicht der Fall. Stellen Sie sich einmal beispielhaft vor: Da Ihr neuer PKW besonders sparsam im Benzinverbrauch ist, entscheiden Sie, öfter das Auto zu nehmen. Damit wird allerdings die CO2-Einsparung durch den effizienteren Motor zumindest gemindert. Dieser sogenannte Rebound-Effekt ist einer von mehreren Gründen, wieso CO2-Emissionen momentan trotz steigender Effizienz unserer Produkte immer noch viel zu hoch sind, um die vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen.

Wir müssen uns also fragen, ob wir nicht nur besser, sondern auch deutlich weniger konsumieren sollten. Daraus ergeben sich interessante Überlegungen: Was sind grundlegende physiologische und psychologische Bedürfnisse und welche werden im Moment mit CO2-intensiven Tätigkeiten und Lebensumständen bedient, wie Fernreisen mit dem Flugzeug, große Eigentumshäuser, täglicher Fleischkonsum oder ein privates Auto? Also: Was brauchen wir wirklich? Und welche CO2-ärmeren Alternativen bieten sich an, um dieselben Bedürfnisse zu befriedigen? Im Moment ist offen, inwiefern diese Fragen subjektiv von jedem Einzelnen oder durch gesellschaftliche Normen beantwortet werden müssen und welche Institutionen die Diskussion vorantreiben sollen. Sicher ist jedoch, dass wir alle die Verantwortung haben, über diese Fragen nachzudenken. Angesichts der sich verschärfenden Klimakrise und weiterhin großer Ungleichheiten im Nord-Süd Vergleich ist es an uns, den nicht zukunftsfähigen und nicht verallgemeinerbaren Verbrauch der natürlichen Ressourcen im Norden Jahr für Jahr zu senken. Nur so ist es möglich, die Grundbedürfnisse aller Menschen – global und in der Zukunft – zu befriedigen.

Dr. Tina Joanes, gekürzt aus UGBforum 5/19

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