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Cradle to Cradle: Wertstoffe im Kreislauf

Die Idee, sämtliche Ver- und Gebrauchsgüter konsequent in Rohstoffkreisläufe zurückzuführen (also keinen „Müll“ zu verursachen), ist zwar nicht neu, angesichts des Klimanotstands aber aktueller denn je (06/2024 Hochwasser und Überschwemmungen in Süddeutschland).

Fossile Brennstoffe, fruchtbare Böden und sauberes Wasser werden knapp. Trotzdem wird weiterhin billig produziert und Produkte bewusst zum Wegwerfen konzipiert. Der Großteil der verwendeten Materialien wie Elektrobauteile, Verbundverpackungen und Kunststoffgemische lässt sich nicht vollständig und sortenrein recyceln. Unser Müll wird häufig verbrannt, das heißt thermisch verwertet, oder mit verheerenden Folgen auf Deponien im In- und Ausland gelagert. Wiederverwertbare Stoffe werden miteinander vermischt und gelangen oft nur als Produkte minderer Qualität in den Produktkreislauf zurück.

Nährstoff bleibt Nährstoff

Die potenzielle Lösung für eine Kreislaufwirtschaft ohne Abfall heißt Cradle to Cradle (C2C). Wörtlich übersetzt bedeutet es „von der Wiege zur Wiege“. Das Konzept entwickelten der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-Architekt William McDonough schon vor rund 20 Jahren. Es orientiert sich an den Kreisläufen der Natur und sieht eine Herstellung von Produkten, Verpackungen und Systemen vor, deren Rohstoffe nach Gebrauch biologisch abbaubar sind. Sie sollen in Form von Nährstoffen wieder Teil des biologischen Kreislaufs werden. Ist das nicht möglich, heißt das Ziel, dass die Produkte ohne Rohstoff-, Nährstoff- und Qualitätsverluste in den technischen Kreislauf fließen, also zu neuen Gütern verarbeitet werden. Das Konzept schließt die Verwendung von giftigen und umweltschädlichen Substanzen sowie Verbundstoffen aus, die sich nicht sortenrein recyceln lassen. Für die Herstellung sind ausschließlich erneuerbare Energien vorgesehen.

Cradle to Cradle funktioniert nur mit geschlossenen Stoffkreisläufen. So dürfen sich Materialien des biologischen Kreislaufs (gesundheitsverträglich und kompostierfähig) nicht mit denen des technischen Kreislaufs (industrielle Rohstoffe) vermischen. Oder sie müssen nach Gebrauch rückstandsfrei voneinander trennbar sein. Dies ist schon bei der Planung und Konstruktion der Gebrauchsgüter und Verpackungen zu berücksichtigen.

Kompostierfähig und wiederverwertbar

Vor allem in der Baubranche ist das C2C-Konzept bereits angekommen. Grasdächer zum Beispiel liefern Verdunstungskälte bei warmem Wetter und isolieren bei Kälte. Sie produzieren Sauerstoff, binden Kohlenstoff und Rußpartikel. Neben kompostierbaren Textilien und Turnschuhen mit „Nährstoff“-Sohle findet sich das C2C-Konzept insbesondere bei Lebensmitteln wieder. Innovative Verpackungen werden so konzipiert, dass sie vollständig kompostierbar und frei von Weichmachern, Mikroplastik sowie anderen bedenklichen Substanzen sind.

Eine Innovation ist das inzwischen recht verbreitete reCup, ein deutschlandweites Pfandsystem für Coffee-to-go Mehrwegbecher. Haben die Becher ausgedient, werden sie von den Partnercafés an die Hersteller:innen zurückgegeben. Die Becher lassen sich zwar aufgrund von Vorschriften des deutschen Lebensmittelgesetztes nicht zu neuen Bechern verarbeiten, aber dennoch sortenrein zu anderen, problemlos recycelbaren Produkten verwerten.

Ein zukunftsfähiges Konzept?

Bislang finden sich allerdings nur eine Handvoll C2C-Produkte, die vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute (www.c2ccertifeid.org) zertifiziert wurden. Die Zertifizierung orientiert sich oft nur an der Verpackung. Zugleich nehmen viele Hersteller:innen, die sich mit dem C2C-Konzept rühmen, Verpackungen und Gebrauchsgegenstände nicht zurück, um daraus neue zu formen. Sie landen in den gängigen Recyclinganlagen und können nicht wie geplant wiederverwertet werden. Auch die Verwendung erneuerbarer Energien und biologisch abbaubarer Rohstoffe sei begrenzt, so Kritiker:innen des Systems. Würden zum Beispiel aus Maisstärke vermehrt Verpackungen hergestellt, fehlten diese irgendwann auf dem Nahrungsmittelmarkt oder es käme zu einer Vermaisung der Kulturlandschaft.

Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft ist dennoch zukunftsweisend. Dazu braucht es allerdings noch Innovationen und den Aufbau einer Infrastruktur für die Wiederverwertung der Rohstoffe. Deshalb bleibt der wohlüberlegte und eingeschränkte Konsum vorerst das beste Mittel, unnötigen Produktionen und der Müllproblematik entgegenzuwirken. Wer nachhaltig konsumieren möchte, sollte stets hinterfragen, welche Materialien verarbeitet wurden und welche Spuren das Produkt hinterlässt, wenn es nicht mehr gebraucht wird. Für Unternehmen dient C2C vor allem als Denkanstoß, ihr Produktdesign und ihre Stoffkreisläufe im Sinne der Nachhaltigkeit zu prüfen und gegebenenfalls Alternativen zu finden. Jeder Schritt in Richtung Cradle to Cradle ist ein Schritt nach vorn.

Franziska Reuther, gekürzt aus UGBforum 1/20

© Bild: ©C2C_Christian Buchner