Unterstützung

Kooperationspartner

Übergewicht vorbeugen - Es ist nie zu früh

Die Funktion von Organen kann bereits in der frühen Kindheit nachhaltig beeinflusst werden. Auch für die Entstehung von Übergewicht im späteren Leben spielt die Ernährung in der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit möglicherweise eine prägende Rolle.

Uebergewicht vorbeugen

Die Häufigkeit von Übergewicht ist in den letzten Jahrzehnten weltweit stark angestiegen. Diese rasche Zunahme kann nicht auf Veränderung in der genetischen Veranlagung zurückgeführt werden. Stattdessen legen neuere Studien nahe, dass bestimmte Einflüsse in der frühen Kindheit die spätere Entwicklung von Übergewicht nachhaltig prägen. Unter Prägung oder Programmierung versteht man eine dauerhafte Festlegung künftiger Funktionsweisen von Organen und Organsystemen. Als sogenannte kritische Phasen, in denen die Ernährung das Risiko für späteres Übergewicht nachhaltig erhöhen kann, gelten vor allem die Schwangerschaft und die frühe Kindheit. Aber auch das Zeitfenster um den sogenannten Adiposity Rebound (AR) und die Pubertät (Mädchen 9-15 Jahre, Jungen 10-16 Jahre) sind mögliche kritische Phasen. Der AR tritt zwischen dem 3. und 8. Lebensjahr auf und bezeichnet den Zeitpunkt, an dem die nach dem 1. Lebensjahr einsetzende kontinuierliche Abnahme des Body Mass Index wieder in eine Zunahme umschlägt. Befunde aus Studien deuten darauf hin, dass ein frühes Eintreten des AR mit einem höheren Risiko für späteres Übergewicht einhergeht.

Leichtes Baby – später dick?

Anfang der 1990er Jahre formulierten die Wissenschaftler um den Engländer Prof. Barker die Hypothese des „fetalen Ursprungs“ von chronischen Erkrankungen. Demnach bedinge eine Mangel­ernährung im Mutterleib – durch vermindertes Nahrungsangebot oder den Mangel einzelner Nährstoffe – eine Anpassung des fetalen Stoffwechsels. Dies führe zu einer Wachstumsverlangsamung des Fetus und einer nachhaltigen Veränderung der Struktur und Funktion seiner Organe und Organsysteme. Seither haben zahlreiche epidemiologische Studien einen deutlichen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Geburtsgewicht – als Zeichen für die fetale Unterversorgung – und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verschiedenen Krebsarten und Diabetes mellitus Typ 2 gezeigt. Auch für die Entwicklung von Übergewicht wird die vorgeburtliche Programmierung diskutiert. Denkbar sind zum Beispiel eine Prägung der Körperfettmasse bzw. der Körperfettverteilung, nachhaltige Einflüsse auf die Regulation der Nahrungsaufnahme bzw. des Energieumsatzes sowie eine Programmierung von Struktur und Funktion der Bauchspeicheldrüse. In der Tat zeigen eine Reihe epidemiologischer Studien enge Zusammenhänge zwischen einem niedrigen Geburtsgewicht (unter 2500 Gramm) und einer späteren Adipositas mit Fettansammlung am Bauch.

Entwicklung in der frühen Kindheit

Für die Entwicklung von Übergewicht könnte laut Prof. Lucas, Mediziner aus London, darüber hinaus ein sogenanntes „Mismatch“ im Vordergrund stehen: Der an eine Unter- oder Mangelversorgung im Mutterleib angepasste Organismus des Säuglings trifft – anders als „erwartet“ – nach der Geburt auf eine adäquate Versorgung oder sogar eine Überversorgung. In der Folge könne es daher zu einer kompensatorischen, also schnelleren Gewichtszunahme bei den Frühgeborenen oder Säuglingen kommen, die zu klein oder zu leicht für ihr Alter sind. Zahlreiche Studien haben in den letzten Jahren gezeigt, dass eine schnelle Gewichtszunahme in der frühen Kindheit das Risiko für späteres Übergewicht deutlich erhöht. Als schnell wachsend gelten Kinder, deren Gewicht sich nicht entlang derselben Perzentile auf einer Wachstumskurve entwickelt, sondern zwischen Geburt und 24 Monaten um ein Perzentilenband ansteigt (z. B. von der 3. auf die 10. Perzentile).

Diese Zusammenhänge wurden zunächst für Frühgeborene oder klein bzw. leicht geborene Säuglinge berichtet. In den letzten Jahren ist dies jedoch auch für Kinder, die bei der Geburt normal schwer bzw. groß für ihr Alter waren, beschrieben. Eine schnelle Gewichtszunahme wirkt sich vermutlich vor allem ungünstig auf die Körperfettentwicklung aus. Auch in späteren Jahren legten Kinder, die im Säuglingsalter schnell an Gewicht zugenommen hatten, kontinuierlich mehr Fettmasse zu. Als mögliche Ursachen hierfür werden im Mutterleib, also intrauterin angelegte kompensatorische Neigungen zu einer gesteigerten Nahrungsaufnahme (Hyperphagie) sowie zur Verringerung der Thermogenese (nahrungsinduzierte Steigerung des Energieverbrauchs) diskutiert. Diese Neigungen scheinen jedoch durch die Ernährung im Kindesalter beeinflussbar: Auswertungen aus der DONALD-Studie am Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund zeigten, dass die negativen Auswirkungen einer schnellen Gewichtszunahme bei gestillten Kindern weniger ausgeprägt waren.

Schweres Baby – später dick?

In den westlichen Industrieländern kommen nur noch selten Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm zur Welt. Einige Studien weisen zudem auf einen u-förmigen Zusammenhang zwischen Geburtsgewicht und dem späteren Erkrankungsrisiko hin. Das heißt, sowohl niedriges als auch hohes Geburtsgewicht können das Risiko erhöhen. Dies ist vor allem für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 belegt. Ob eine hohes Geburtsgewicht später Übergewicht begünstigt, ist nicht so eindeutig: Säuglinge mit hohem Geburtsgewicht haben im Kindes- und Erwachsenenalter zwar einen höheren Body Mass Index, aber nicht unbedingt mehr Körperfett. Anders sieht das bei Neugeborenen aus, deren Mütter einen Schwangerschaftsdiabetes entwickelten. Sie haben sowohl bei der Geburt ein höheres Gewicht als auch einen höheren Körperfettanteil. Aufgrund des erhöhten mütterlichen Blutzuckerspiegels steigert der Fetus seine Insulinsekretion. Diese höheren Insulinspiegel wirken nicht nur akut blutzuckersenkend, sondern fördern auch das Wachstum. Daher bringen Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes häufig ein makrosomes Kind zur Welt, das heißt ein Neugeborenes mit einem Geburtsgewicht über 4000 Gramm. Eine Programmierung der Insulinsekretion im Mutterleib könnte unter anderem erklären, warum eine solche Makrosomie mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht und Diabetes mellitus verbunden ist: Die Betroffenen haben im späteren Leben eine von Grund auf erhöhte Insulinsekretion bzw. antworten auf einen Stimulus mit einer überhöhten Insulinausschüttung.

Körperfett im Mutterleib

Dass Übergewicht ein höheres Risiko für viele Folgeerkrankungen bedeutet, ist ursächlich auf den hohen Anteil an abdominalem Körperfett zurückzuführen. Der Schlüssel zur Prävention von chronischen Erkrankungen liegt daher darin, zu viel Körperfett zu vermeiden. Diese Prävention kann nicht früh genug beginnen. Schon das Körpergewicht der Mutter vor der Empfängnis kann das Risiko des Kindes für späteres Übergewicht beeinflussen. Nehmen übergewichtige Frauen während der Schwangerschaft stark an Gewicht zu, ist auch der Körperfettanteil ihres Neugeborenen höher. Insgesamt nehmen Schwangere heute im Schnitt über zwei Kilogramm mehr zu als vor 20 Jahren.

Eine überhöhte Gewichtszunahme kann auch die Entstehung eines Schwangerschaftsdiabetes begünstigen. So erstaunt es nicht, dass parallel zur weltweiten Zunahme von Übergewicht und Typ 2 Diabetes mellitus auch der Schwangerschaftsdiabetes immer häufiger auftritt. Schwangere sollten daher Lebensmittel bevorzugen, die einen niedrigen Blutzuckeranstieg nach sich ziehen, das heißt einen niedrigen Glykämischen Index haben. Tatsächlich zeigt eine Reihe neuerer Studien, dass eine Kost mit niedrigem GI vor der Schwangerschaft das Risiko für einen Gestationsdiabetes verringert, in der Schwangerschaft das Risiko für eine Makrosomie senkt und in der Therapie eines Schwangerschaftsdiabetes in der Hälfte der Fälle zum Absetzen einer Insulintherapie führt.

Schützt Stillen vor Übergewicht?

Stillen schützt vor Übergewicht, so lautete bislang die gängige Meinung. Der vorbeugende Effekt ist jedoch in letzter Zeit von verschiedenen Seiten in Frage gestellt worden. Hintergrund ist zum einen, dass Metaanalysen die Verringerung des Risikos für Übergewicht um ca. 20 Prozent bei gestillten Kindern nicht bis ins Erwachsenenalter bestätigen. Zum anderen wird immer wieder angeführt, dass die in den Beobachtungsstudien gefundenen Effekte auch durch das familiäre Umfeld bedingt sein könnten. Daher wurden die Ergebnisse aus der ersten randomisierten, kontrollierten Studie zum Effekt des Stillens vielfach als aussagekräftiger interpretiert: In der PROBIT-Studie an über 17.000 Säuglingen aus Weißrussland fand sich jedoch kein Effekt auf die Körperzusammensetzung mit 6,5 Jahren, wenn länger gestillt wurde. Einschränkend sei jedoch angemerkt, dass diese Interventionsstudie nur untersuchte, ob sich längeres, ausschließliches Stillen auf das Gewicht auswirkt. Der Unterschied zwischen Stillen und Flaschenkost wurde nicht erfasst.

Zudem ist denkbar, dass sich Stillen vor allem bei besonderen Bevölkerungsgruppen positiv auswirkt. So zeigte eine Analyse der DONALD-Studie einen schützenden Effekt des Stillens ausschließlich für die Söhne übergewichtiger Mütter. Dieser Effekt war so ausgeprägt, dass er eine genetische oder intrauterine Prägung des Stoffwechsels in Richtung höheres Körperfett ausgleichen konnte, die eventuell aus dem Übergewicht der Mutter resultiert. Die Tatsache, dass vor allem Jungen übergewichtiger Mütter vom Stillen profitierten, spricht gegen einen Einfluss durch sozioökonomische Faktoren bzw. durch das sonstige Ernährungsverhalten. Stattdessen sind prägende Effekte wahrscheinlich, beispielsweise durch Substanzen in der Muttermilch oder durch eine Programmierung des Regulationsvermögens der Energiezufuhr bei gestillten Säuglingen. Ob Mädchen mit übergewichtigen Müttern nicht vom Stillen profitieren, muss in weiteren Studien geklärt werden.

Weichen richtig stellen

Als eine Wirkungsweise von Stillen wird der unterschiedliche Proteingehalt von Muttermilch und Säuglingsanfangsnahrung diskutiert. So zeigte eine kürzlich veröffentlichte Studie des EU-Forschungsprojekts EARNEST, dass Babys, die anfangs mit eiweißreicher Flaschennahrung gefüttert wurden, nach zwei Jahren schwerer waren als jene, die eiweißarme Flaschenkost erhielten. Letztere wiesen dasselbe geringere Gewicht auf wie gestillte Kinder.

Weitere neuere Studien deuten zudem darauf hin, dass eine höhere Proteinzufuhr auch nach Einführung der Beikost mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht im Kindesalter einhergeht. Analysen aus der DONALD-Studie legen nahe, dass vor allem das Zeitfenster des Übergangs zur Familienkost (12.-24. Lebensmonat) kritisch ist. Für einen ungünstigen Einfluss scheint besonders eine erhöhte Zufuhr an Protein aus Milch und Milchprodukten in dieser Phase verantwortlich zu sein. Die möglicherweise prägende Auswirkung einer proteinreichen Kost in der frühen Kindheit für das Übergewichtsrisiko im Erwachsenenalter ist derzeit jedoch noch unklar.

Schwangerschaft und frühe Kindheit bieten wie kaum eine andere Lebensphase die Möglichkeit, langfristige Weichen für die Gesundheit des Kindes zu stellen. Schwangere bringen meist eine hohe Bereitschaft mit, ihre eigene Ernährung gezielt auf den Prüfstein zu stellen. Eltern sind in den ersten Jahren in der Regel besonders motiviert, auf eine gesunde Ernährung ihrer Säuglinge und Kleinkinder zu achten. Nicht alle der im Kasten (s. unten) genannten Empfehlungen sind derzeit eindeutig belegt. Allerdings ist das Beachten dieser Tipps keinesfalls mit Risiken für Mutter oder Kind verbunden. Diese Empfehlungen tragen in jedem Fall auch langfristig zu einem verbesserten Ernährungsverhalten bei.

Übergewicht in der frühen Kindheit vorbeugen

Verringerung von Übergewicht bei bestehendem Kinderwunsch. Dies begünstigt auch einen Erfolg bei der Empfängnis.

In der Schwangerschaft nicht für zwei essen. Der Mehrbedarf für normalgewichtige Frauen liegt erst gegen Ende der Schwangerschaft bei 200-300 kcal/Tag.

Übermäßige Gewichtszunahme während der Schwangerschaft vermeiden.
Empfohlen werden:
– untergewichtig vor der Schwangerschaft: 12,5-18 kg
– normalgewichtig vor der Schwangerschaft: 11,5–16 kg
– übergewichtig vor der Schwangerschaft: 7-11,5 kg
– adipös vor der Schwangerschaft: mind. 6 kg

Vollwertige Ernährung, um Nährstoffversorgung sicherzustellen. Zur Programmierung von Übergewicht in utero trägt möglicherweise auch eine Unterversorgung mit Mikronährstoffen bei. Eine vollwertige Ernährung kann dazu beitragen, den in der Schwangerschaft erhöhten Bedarf an Mikronährstoffen zu decken.

Screening auf Schwangerschaftsdiabetes. In der 26. Schwangerschaftswoche sollte untersucht werden, ob ein Schwangerschaftsdiabetes vor­liegt. Die Therapie eines Diabetes und die Betreuung der Schwangerschaft sollte möglichst in dafür spezialisierten Perinatalzentren durchgeführt werden.

Bei Schwangerschaftsdiabetes Lebensmittel mit niedrigem glykämischen Index bevorzugen. Die gezielte Senkung des postprandialen Blutzuckeranstiegs wirkt sich günstig auf die Blutzuckereinstellung aus, beugt zu hohem Geburtsgewicht vor und kann gegebenenfalls eine Insulintherapie überflüssig machen.

Stillen ist in jedem Fall empfehlenswert!Gerade Frauen mit Übergewicht können durch Stillen einen Beitrag zur Prävention von Übergewicht bei ihrem Kind leisten.

Übergang zur Familienkost: Tierisches Protein nur in Maßen geben. Eine hohe Proteinzufuhr beim Übergang zur Familienernährung kann eventuell den Anteil an Körperfett erhöhen. Die Bedeutung verschiedener Proteinquellen hierbei muss in weiteren Untersuchungen noch geklärt werden. Ein mäßiger Verzehr tierischer Lebensmittel in der Familienernährung ist jedoch empfehlenswert.

Quelle: Buyken, A.: "Übergewicht vorbeugen - Es ist nie zu früh" UGB-Forum 5/09, S. 241-244
Foto: Idee23/Fotolia.com

Im PDF-Format herunterladen